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Sarkozys Wahlkampf der Angst

PARIS – Die Ankündigung des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, im Jahr 2017 erneut die Präsidentschaft anzustreben, sollte keine Überraschung sein. Tatsächlich fiel es schon schwer, ihn ernst zu nehmen, als er nach der Niederlage gegen den sozialistischen Kandidaten François Hollande im Präsidentschaftswahlkampf 2012 erklärte, er hätte genug von der Politik. Man mag über Sarkozy denken, was man will, aber er war nie einer von der Sorte, die lange aus dem Rampenlicht verschwinden. 

In Wahrheit hat Sarkozy seine Niederlage nie akzeptiert. Vielmehr erfassten ihn so wie Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg Rachegelüste, die von seiner langgehegten und kaum verhohlenen Machtgier verstärkt wurden.

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Ermutigt durch Hollandes Unbeliebtheit scheint Sarkozy nun zu glauben, die Franzosen wären bereit, ihn wieder willkommen zu heißen. Anstatt sich Sorgen um seine schlechte Reputation zu machen, wie sie in Meinungsumfragen immer noch deutlich wird, scheint er von einer Neuauflage der Wahlen 2007 zu fantasieren, als er einen mühelosen Sieg gegen die sozialistische Kandidatin und Hollandes ehemalige Lebensgefährtin, Ségolène Royal, errang.

Diese Fantasien sind vielleicht gar nicht so unbegründet. Ob die Menschen Sarkozy mögen oder nicht: Faktum ist, dass sich Frankreichs soziale und wirtschaftliche Situation sowie seine Sicherheitslage während Hollandes Amtszeit verschlechtert haben – und viele Holland dafür direkt verantwortlich machen.

Die aktuellen Umstände könnten auch Sarkozys Rivalen innerhalb der Republikanischen Partei schaden. Insbesondere Alain Juppé – Sarkozys Hauptkonkurrent für die Nominierung durch die Partei – muss womöglich erkennen, dass sein moderater Ansatz zu einem Hemmschuh wird, vor allem jetzt, da Sarkozy wieder im Spiel ist.

Der Wahlkampf der beiden Kandidaten konzentriert sich auf die französische Identität. Aber während Juppé, der den Ausdruck l’identité heureuse (die glückliche Identität) prägte, offenbar darauf abzielt, die sich vertiefenden Risse innerhalb der französischen Gesellschaft zu kitten, scheint Sarkozy bereit, daraus Kapital zu schlagen, indem er den Islam als eine grundlegende Bedrohung des französischen Lebensstils hinstellt. Sarkozys Ansatz könnte durchaus Erfolg haben, wenn man die öffentliche Stimmungslage bedenkt, die sich aufgrund der jüngsten Terroranschläge -  von der Ermordung von 86 Menschen bei einem LKW-Angriff in Nizza im Juli bis hin zur brutalen Tötung eines Priesters in der Normandie Ende Juli - noch weiter eintrübte.

Man denke beispielsweise an das Verbot des Burkinis - einer von Musliminnen bevorzugten, den gesamten Körper bedeckenden Badebekleidung - in französischen Küstenstädten. In einer freien und vielfältigen Gesellschaft sollte man eine Bekleidungsform, die es einer Gruppe von Frauen ermöglicht, gerne ausgeübte Aktivitäten zu genießen, durchaus begrüßen. Dennoch werden muslimische Frauen derzeit ins Visier genommen, weil sie Burkinis tragen, wobei die Polizei Bußgelder verhängt und – wie jüngst in einem Fall in Nizza - die Frauen zwingt, die Verhüllung abzulegen.

Obwohl manche diese Verbote verurteilen, werden sie von zahlreichen Bürgern unterstützt. Ich selbst war vor kurzem an einem Strand in Frankreich – wo der Burkini nicht offiziell verboten ist – und beobachtete die entsetzten und verächtlichen Reaktionen auf eine verhüllte Muslimin, die mit ihrer Familie im Meer planschte. Einen jungen Mann hörte ich gar sagen, bei einem derartigen Anblick möchte er „alle erschießen.“ Frankreichs vielfältige und offene Gesellschaft ist offenbar tief gesunken.

Sarkozy hat ein gutes Gespür für diese Stimmung im Volk. Er weiß, dass die Franzosen defensiv und wütend sind und er will diese Gefühle nützen, um Unterstützung zu gewinnen – auch von Wählern des rechtsextremen Front National unter Marine Le Pen.  In dieser Hinsicht ähnelt Sarkozy dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, der sich die massenhafte Unterstützung zorniger Wähler sicherte, indem er sich als Retter eines einstmals großen und mittlerweile im Niedergang befindlichen Landes präsentiert.

Dennoch könnte Sarkozy feststellen, dass genau diese von ihm geschürten Ängste die Menschen möglicherweise davon abhalten, ihn zu wählen. Mit seiner fahrigen Art und den nervösen Ticks ist er vielleicht nicht die Art zuverlässige und gefestigte Führungspersönlichkeit, die ein nervöses Land so dringend braucht.  

Wir werden die Antwort bald kennen. Die neuen Meinungsumfragen werden einen starken Hinweis liefern, wie die Franzosen den neu erstandenen Sarkozy wahrnehmen. Haben die Gründe, warum die Wähler seiner Präsidentschaft vor vier Jahren ein Ende setzten, noch Gültigkeit? Oder reicht der neue Kontext, um ihn als Frankreichs beste Option erscheinen zu lassen?

Aufschlussreicher werden natürlich die Vorwahlen der Republikaner im November sein. In Anbetracht der Tiefststände von Hollandes Beliebtheitswerten geht man weithin davon aus, dass der siegreiche republikanische Kandidat auch Frankreichs nächster Präsident sein wird. Und obwohl Juppé bislang in Meinungsumfragen weit voran liegt, könnten die Franzosen seiner glücklichen französischen Identität zugunsten der sehr viel düstereren Variante Sarkozys eine Abfuhr erteilen.

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Ich glaube nach wie vor, dass Juppé höchstwahrscheinlich Frankreichs nächster Präsident sein wird. Hinsichtlich Alter und Profil ähnelt er einer französischen Ausgabe Hillary Clintons – erfahrener in der Ausübung als der Eroberung der Macht. Allerdings ist Angst eine mächtige Waffe und ebenso wie Trump ist auch Sarkozy erpicht, sich ihrer zu bedienen.  

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier