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Die Sicht aus Kiew

KIEW – Aus Sicht internationaler Beobachter wird der russische Präsident Wladimir Putin entweder einen neuen Krieg in der Ukraine beginnen oder eben nicht. Doch für die Ukrainer begann der Krieg mit Putins Annexion der Krim 2014 und hat seitdem nicht aufgehört. Tausende Ukrainer haben bereits einen bewaffneten Kampf gegen russische Streitkräfte erlebt. Daher ergehen sich die Politiker in Kiew nicht in Rätselraten darüber, was Putin als Nächstes tun wird; sie konzentrieren sich darauf, was sie heute tun müssen.

Das ukrainische Denken spiegelt eine nüchterne Betrachtung der Fähigkeiten, Ressourcen und des Einflusses des Landes wider. Der ukrainischen Führung ist bewusst, dass sie ihre Armee vorbereiten, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise mindern und möglichst viele Verbündete finden muss. Sie ist, was Unterstützung aus dem Westen angeht, nicht wählerisch. Sie wird jede Hilfe dankbar annehmen, denn sie weiß, dass selbst kleine Beiträge sich als entscheidend erweisen könnten.

Obwohl sich die Ukrainer auf Krieg vorbereiten müssen, haben Sie den Frieden im Kopf. Denn der ist es, wofür sie die vergangenen acht Jahre gekämpft haben. Sie deuteln nicht viel herum, ob der Krieg groß oder klein sein wird und ob er aus der Luft oder am Boden, im Umfeld der Städte oder auf dem Land geführt werden wird. Man hat den Eindruck, dass sie optimistischer sind, als die Lage das rechtfertigt. Ein führender Verteidigungsexperte hat mir das so erklärt: „Sławomir“ sagte er, „ich habe drei Töchter; die jüngste ist ein Jahr alt. Wie kann ich da nicht optimistisch sein?“

Die westlichen Medien ihrerseits generieren derzeit mehr Analysen, Prognosen und Meinungen, als ein Mensch je lesen könnte. Dabei deuten die Fakten sowohl auf die Zwangsläufigkeit als auch die Sinnlosigkeit eines Krieges hin. Putin muss angreifen, weil er sonst das Gesicht verliert. Er befindet sich nun in der Endphase seiner langen Herrschaft und ist zu dem Schluss gekommen, dass sein Erbe einen irreparablen Schlag erleiden wird, wenn die Ukraine bei seinem Abschied nicht fest unter russischer Kontrolle steht.

Er weiß zudem, dass dies seine letzte und beste Chance ist. Die USA sind derzeit mit China beschäftigt. Deutschland hat eine neue, noch unerprobte Regierung, deren führende Partei Russland tendenziell freundlicher gegenübersteht. Der französische Präsident Emmanuel Macron ist mit seiner Wiederwahl beschäftigt. Der britische Premierminister Boris Johnson steht nahe davor, die Macht zu verlieren. Und Europa im Allgemeinen leckt seine Wunden von der Pandemie und bleibt hoffnungslos von russischem Gas abhängig.

Darüber hinaus muss Russland, das statt seiner Wirtschaft sein Militär modernisiert hat, das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Putin hat die astronomische Summe von 620 Milliarden Dollar an Devisenreserven angehäuft, die Wirtschaft von ihre Dollarabhängigkeit entwöhnt und Vermögen der russischen Oligarchen aus dem Ausland zurückgeholt – alles in Vorbereitung auf diesen Moment. Die eine Invasion unterstützenden wirtschaftlichen Bedingungen werden auf absehbare Zeit nicht wieder so günstig sein.

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Vor allem aber weiß Putin, dass, wenn er nach zwei militärischen Massenmobilmachungen jetzt einen Rückzieher macht, der Westen Russland nicht länger ernstnehmen muss. Die NATO wird fortfahren, ihre Präsenz in Osteuropa zu verstärken, und die USA werden Konzessionen, die sie sonst womöglich angeboten hätten, zurückstellen. Die Ukraine ist ganz offensichtlich dabei, sich unaufhaltsam von Russland abzuwenden. Tatsächlich wird die Frage eines formellen NATO-Beitritts der Ukraine mit jedem Tag unwichtiger, weil sie faktisch bereits Teil des Bündnisses ist. Sie hat bei ihrer militärischen Modernisierung NATO-Standards eingeführt und Waffenlieferungen akzeptiert.

Aus Sicht des Kremls handelt die Ukraine bereits wie ein Mitglied nicht nur der NATO, sondern auch der Europäischen Union. Mit jedem neuen Jahr konsolidiert sie ihre Eigenstaatlichkeit weiter, sichert ihre eigene Identität und vertieft ihre Beziehungen zur EU, ihrem größten Wirtschaftpartner. Die Ukraine ist Teil des gemeinsamen Marktes und des visafreien Systems der EU und hat sogar ihre Unabhängigkeit in Energiefragen von Russland erreicht – etwas, was vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen wäre.

Putin jedoch betrachtet die Ukrainer, wie er in seinem Manifest schrieb, in Wahrheit als Russen – vielleicht als eine etwas schlechtere Sorte, aber eben als Russen. Und Putins Verbündete haben die Botschaft verstanden. Selbst Verteidigungsminister Sergei Schoigu, dessen Vater Tuwiner war, und Ramsan Kadyrow, der Präsident der Republik Tschetschenien, haben begonnen, die Ukrainer als „unser Volk“ zu bezeichnen.

Es bleibt die Frage, was Russland ein Krieg bringen würde. Es besteht keine Chance auf einen Blitzkrieg oder einen raschen, klaren Sieg, der Russland die dauerhafte Kontrolle über die Ukraine verschafft. Die Ukrainer ziehen einen Krieg einem schlechten Frieden bei weitem vor, und sie betrachten eine Niederlage keineswegs als unausweichlich. Sie erwarten nicht, in einem militärischen Konflikt mit Russland unmittelbar zu siegen, aber sie sind zuversichtlich, ausreichend Widerstand leisten zu können, um Russland zu überzeugen, dass es sie nicht überwinden kann.

Die Reaktion des Westens wird, unabhängig davon, ob der Krieg klein oder groß wird, dieselbe sein. In beiden Fällen würde ein neuerlicher russischer Angriff auf die Ukraine die gesamte Friedensordnung in Europa im Gefolge des Kalten Krieges zerstören. Umfangreiche Kriege und Besetzungen würden wieder zur Norm. Der Westen scheint endlich erkannt zu haben, dass er dies nicht zulassen kann.

Nach Wochen westlichen Zauderns hat selbst Deutschland endlich aufgehört, die Bedeutung von Nord Stream 2 (der Pipeline, die russisches Erdgas unter Umgehung der Ukraine direkt nach Deutschland liefern würde) zu diskutieren. Und Großbritannien hat Sanktionen gegen Russlands Oligarchen eingeleitet, die London lange als Spielwiese und Finanzparadies genutzt hatten.

Angesichts dieser Entwicklungen müssen die Kreml-Strategen überlegen, ob ein Erfolg in der Ukraine überhaupt noch möglich ist. Ein Krieg ergibt Sinn, wenn man dadurch nach Kriegsende langfristige Vorteile erlangen kann. Aber kann man die 40 Millionen Ukrainer, die acht Jahre Krieg mit Russland ertragen haben, wirklich zur Loyalität gegenüber dem Kreml zwingen? Lässt sich das zweitgrößte Land Europas wirklich besetzen und dann befrieden? Das US-Fiasko in Afghanistan hat gezeigt, dass es sehr viel einfacher ist, Kriege anzufangen, als sie zu beenden. Die Russen erinnern sich zweifellos an ihr eigenes katastrophales Erlebnis in Afghanistan, das zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrug.

Der Westen hat endlich aufgehört, zu rätseln, was Putin tun wird, und ist in eine neue Phase eingetreten. Er hat begonnen, zu denken wie die Ukrainer.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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