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Der Kampf um Russland

PARIS – Als ich von der Ermordung des russischen Politikers Boris Nemzow in Moskau hörte, erinnerte mich das an ein Gespräch, das ich einst vor dem Fall der Berliner Mauer mit einem sowjetischen Amtsträger führte.

Wir spazierten damals unbegleitet durch den Park von Versailles und unterhielten uns ganz allgemein über das 20. Jahrhundert und seine Tragödien, als mein sowjetischer Gast plötzlich eine Äußerung tätigte, die ich nie vergessen habe. „Wir Russen haben in diesem Jahrhundert mehr als jedes andere Volk gelitten“, sagte er. „Kein anderes Land hatte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs so viele Tote zu beklagen wie wir. Aber es war die Sowjetmacht, die – durch eine Kombination aus Säuberungsaktionen und erzwungenen Hungersnöten – mehr von ihren Kindern tötete als alle Feinde Russlands zusammen.“

Die Tragödie Russlands besteht darin, dass es für sich selbst eine ebenso große Bedrohung darstellt wie für seine Nachbarn. Parallel zur  Konfrontation zwischen Europa und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Ukraine läuft innerhalb Russlands selbst ein größerer und letztlich bedeutsamerer Kampf ab, bei dem die reiche Kultur des Landes mit der grausamen Verlogenheit seiner Politik kollidiert.

Angesichts der Beschaffenheit des Putin-Regimes werden wir vermutlich nie genau wissen, was wirklich hinter dem Mord an Nemzow steckt. Doch es ist unmöglich, sich über den Fall Gedanken zu machen, ohne zu erwägen, ob der Mord seinen Ursprung nicht irgendwie direkt oder indirekt im Umfeld des Kremls hatte.