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Russland zwischen altem Europa und neuem Amerika

Dmitri Trenin

Während der gesamten UN-Debatte zur Irak-Frage versuchte Präsident Putin Frankreich den Vortritt zu lassen, wenn es darum ging, Amerikas angeblichen ,,Unilateralismus" anzuprangern. Ebenso wenig unterstützte Präsident Putin Kanzler Schröders Ablehnung jeglicher Militäraktion gegen Bagdad. Und obwohl sich der russische Präsident am Ende gegen eine Unterstützung Amerikas aussprach, ist er damit im Gegensatz zu Chirac und Schröder - zumindest bis jetzt - nicht zur Zielscheibe öffentlich geäußerter amerikanischer Verärgerung geworden. Seine subtile und vollendete Irak-Diplomatie ist nur ein weiteres Zeichen, dass Russland seine lange post-kommunistische Depression abgeschüttelt hat und seine Stimme in einer von Amerika angeführten Welt wiederfindet.

Seit Beginn der Krise hat Putin clever erkannt, wie unterschiedlich die Amerikaner Frankreich und Deutschland einerseits und Russland andererseits wahrnehmen. Die nach wie vor bestehende Empathie der Amerikaner für Frankreich und Deutschland stammt noch aus dem Kalten Krieg und steht in starkem Kontrast zu jenem Argwohn mit der die amerikanische Außenpolitik das post-sowjetische Russland betrachtet. Wäre Putin bereits am Beginn der UN-Debatte auf der Seite der französisch-deutschen Zweifler gestanden, hätte er viel von seinem Wohlwollen und Ansehen verspielt, das er sich mühsam seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren erwarb.

Die Unterschiede zwischen Paris/Berlin und Moskau sind aber tiefgreifender. Frankreich ist nicht bloß am irakischen Öl interessiert, ebenso wenig wie Kanzler Schröder nicht einfach nur auf Werte in Meinungsumfragen schielt (auf solche über seine Regierungsarbeit, nicht nur jene zur Irak-Frage). Sowohl für Frankreich als auch für Deutschland ist die Irak-Frage eine Feuerprobe für eine zu schaffende autonome Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union.