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Ronald Reagan Putin

Am 23. Mai werden im Kreml zwei liberale Vertreter der freien Marktwirtschaft zusammentreffen: Der eine ein früherer Vertreter der Ölindustrie und Sohn eines US-Präsidenten, der andere, ein ehemaliger KGB-Agent, Sohn eines Sankt Petersburger Wartungsmonteurs. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Herkunft, gelangen Präsident George W. Bush und Vladimir Putin eine erstaunlich enge Partnerschaft. Tatsächlich scheinen die Zusammenarbeit im internationalen Krieg gegen den Terrorismus, die jüngsten Vereinbarungen zur Reduzierung der Atomwaffenbestände und Rußlands Annäherung an die NATO nur der Anfang einer Entwicklung zu sein, die von Tag zu Tag Rußlands Integration in den Westen vertieft.

Aber überraschenderweise scheinen die beiden Männer vor allem in der Wirtschaft die größten Berührungspunkte zu haben. Präsident Bush könnte versucht sein zu glauben, Rußlands gegenwärtiger wirtschaftlicher Erfolg beruhe ausschließlich auf den hohen Preisen, die Erdöl auf dem Weltmarkt erzielt. Von den Preisen abgesehen, ist der Unterschied zwischen der Art, wie die russischen Ölgesellschaften in den frühen 1990er Jahren verwaltet wurden und wie das zur Zeit geschieht, zu dramatisch groß, als daß dies übergangen werden könnte. Auch in der Lebensmittelindustrie haben Verbesserungen im Management den Ausstoß und die Qualität gesteigert. In allen Bereichen der Wirtschaft fließen die Ressourcen nun aus dem schlecht verwalteten nichtstaatlichen Sektor hinüber in den gut organisierten marktwirtschaftlichen Bereich.

Dies ist eine atemberaubende Wende der Ereignissen. Noch vor vier Jahren interessierten sich die großen russischen Gesellschaften nur für Staatssubventionen und nicht für strukturelle Reformen. Jetzt wissen die Geschäftsführer der Firmen, daß die Kapitalisierung ihrer Unternehmen auf den Wertpapiermärkten vom Investitionsklima abhängt. Ihnen ist die Bewertung ihrer Vermögenswerte ein Anliegen. Sie wollen wissen, wie viel Kredit sie im Ausland aufnehmen können, oder zu welchem Preis sie die Aktien ihrer Unternehmen an der New Yorker oder Londoner Börse verkaufen können. Russische Unternehmen haben bewiesen, daß sie Gelder, Einfluß, und Anstrengung zur Verbesserung des Investitionsklimas investieren können. So etwas war bis vor kurzem undenkbar.

Präsident Putin kommt nicht allein das Verdienst an diesen grundlegenden Änderungen zu. Was er aber in den letzten beiden Jahren erreicht hat, ist weit mehr, als irgend jemand mit Recht hätte erwarten können nämlich: ein vereinfachtes Steuerrecht, Schritte hin auf die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO), Gesetzesreformen, größere Offenlegung. Dennoch, falls die Ölpreise drastisch fallen, wird er vor einem riesigen politischen Problem stehen. Denn mutige strukturelle Reformen benötigen üblicherweise Jahre und nicht nur Monate, um zu Ergebnissen zu führen. Das starke Wirtschaftswachstum in Rußland der letzten Zeit, spiegelt teilweise die Reformen der frühen 1990er Jahre wieder. Die Reformleistungen der Jahre 2000 und 2001 werden sich in meßbaren wirtschaftlichen Ergebnissen erst, sagen wir, im Jahr 2005 niederschlagen.