Schottland als Vorreiter?

LONDON – Ich glaube, dass die Schotten vernünftig sind und deshalb werden sie diese Woche meiner Meinung nach der Unabhängigkeit eine Absage erteilen. Doch ungeachtet des Abstimmungsergebnisses ist der spektakuläre Aufstieg des Nationalismus in Schottland und in anderen Teilen Europas Symptom eines kranken politischen Mainstreams.

Vielerorts ist man heutzutage überzeugt, dass die Art und Weise wie unsere Angelegenheiten derzeit geregelt sind, keine bedingungslose Loyalität verdient; dass das politische System die ernsthafte Debatte über wirtschaftliche und soziale Alternativen unterbindet; dass Banken und Oligarchen herrschen; und dass die Demokratie eine Mogelpackung ist. Der Nationalismus verspricht einen Ausweg aus dem Ordnungssystem „sinnvoller“ Alternativen, die sich später als alternativlos herausstellen. 

Nationalisten lassen sich in zwei Gruppen einteilen: die einen glauben wirklich, dass Unabhängigkeit einen Ausweg aus einem blockierten politischen System darstellt, während die anderen mit der Androhung der Unabhängigkeit Zugeständnisse vom politischen Establishment erzwingen wollen. In beiden Fällen genießen nationalistische Politiker den enormen Vorteil, kein praxistaugliches Programm zu benötigen: denn alles Gute kommt ohnehin mit der staatlichen Souveränität.

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