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Post-Crash-Ökonomie

LONDON –  Bei der Wahl zum Europäischen Parlament im letzten Monat errangen euroskeptische und extremistische Parteien 25 Prozent der Stimmen, wobei sie die größten Zugewinne in Frankreich, Großbritannien und Griechenland verbuchen konnten. Diese Ergebnisse wurden weithin – und richtigerweise – als Zeichen für den Grad der Spaltung zwischen einer arroganten europäischen Elite und den gewöhnlichen Bürgern interpretiert.

Weniger beachtet -  weil weniger offensichtlich politisch – werden die gegenwärtigen intellektuellen Unmutsäußerungen, deren jüngste Manifestation Thomas Pikettys vernichtende Anklage gegen die wachsende Ungleichheit  Das Kapital im 21. Jahrhundert darstellt. Wir sind möglicherweise Zeugen des Anfangs vom Ende des neoliberalen kapitalistischen Konsenses, der im gesamten Westen seit den 1980er Jahren vorherrscht – und von dem viele behaupten, dass er zum wirtschaftlichen Desaster der Jahre 2008 und 2009 führte.

Von besonderer Bedeutung ist die wachsende Unzufriedenheit der Ökonomie-Studenten mit ihrem Lehrplan. Diese Unzufriedenheit spielt deshalb eine Rolle, weil die Ökonomie lange Zeit als der politische Leitstern des Westens galt.

Seinen Ausgang nahm dieser Unmut in Form der „Bewegung post-autistischer Ökonomie“, die im Jahr 2000 in Paris entstand und sich später in den Vereinigten Staaten, Australien und Neuseeland ausbreitete.  Der wichtigste Vorwurf ihrer Anhänger lautete, dass die an Universitäten gelehrte Mainstream-Ökonomie zu einem Teilbereich der Mathematik und realitätsfremd geworden war.