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Arbeitsmarkt im Wandel – Die Ökonomie der Unabhängigen

BERKELEY – In hochentwickelten Volkswirtschaften ist es nicht mehr der Normalfall Vollzeit bei einem einzigen Arbeitgeber angestellt zu sein. Stattdessen verkaufen Millionen von „unabhängigen Arbeitskräften“ – Selbständige, Freiberufler oder Leiharbeiter – ihre Arbeitskraft, Dienstleistungen und Produkte auf digitalen Plattformen an eine Vielzahl von Arbeitgebern oder Kunden.

Der wachsende Anteil unabhängiger Beschäftigungsverhältnisse, die normalerweise mit flexiblen Arbeitszeiten einhergehen, verspricht bedeutende gesamtwirtschaftliche Vorteile durch steigende Erwerbsquoten, eine Erhöhung der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden und eine Verringerung der Arbeitslosigkeit. Doch aus dieser sogenannten „Gig-Economy“ erwachsen auch komplexe neue Herausforderungen für die Politik, da Besteuerung, Regulierung und Zugang zu Sozialleistungen und Sozialschutz traditionell innerhalb der klassischen Arbeitgeber-/Arbeitnehmerbeziehungen geregelt werden.

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Einer Studie des McKinsey Global Institute zufolge arbeiten derzeit bis zu 162 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten und den EU-15-Staaten in unabhängigen Arbeitsverhältnissen. Basierend auf einer repräsentativen Online-Befragung von 8.000 Arbeitskräften in sechs Ländern (einschließlich USA) hat McKinsey festgestellt, dass unabhängige Beschäftigung für 10-15% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter die Haupteinkommensquelle darstellt. Weitere 10-15% – unter anderem Studenten, Rentner, Personen, die Haus- und Familienarbeit verrichten und Festangestellte – bessern ihr Einkommen durch unabhängige oder zeitlich befristete Tätigkeiten auf.

Die Ergebnisse dieser Studie stellen mehrere weit verbreitete Auffassungen über unabhängige Arbeit in Frage. Erstens sind es nicht vorwiegend junge Leute, die dieser Form von Beschäftigung nachgehen: Lediglich 25% der unabhängig Beschäftigten sind jünger als 25 Jahre. Auch in puncto Einkommens- und Bildungsniveau, Geschlecht, Beruf und Branche herrscht Vielfalt.

Außerdem haben sich 70-75% der unabhängig Beschäftigten freiwillig und nicht notgedrungen für diesen Weg entschieden – eine Feststellung, die mit den Ergebnissen anderer aktueller Studien übereinstimmt. Obwohl 40-55% der Geringverdiener (deren Einkommen 25.000 US-Dollar oder weniger pro Jahr beträgt) im Haupt- oder Nebenverdienst unabhängig beschäftigt sind, stellen sie einen Anteil von weniger als 25% aller unabhängig Erwerbstätigen. Lediglich ein Drittel der Befragten hat angegeben einer unabhängigen Beschäftigung nachzugehen, weil sie keine Festanstellung finden oder zusätzliches Einkommen brauchen, um über die Runden zu kommen.

Auch wenn sie sich damit in der Minderheit befinden, geht es insgesamt um eine beträchtliche Zahl. Schätzungen zufolge gehen über 50 Millionen Amerikaner und Europäer notgedrungen einer unabhängigen Beschäftigung nach und für über 20 Millionen bildet diese die Haupteinkommensquelle. Viele von ihnen sind Geringverdiener, die sonst arbeitslos wären. Das lässt darauf schließen, dass mehr Wirtschafts- und damit Beschäftigungswachstum die Zahl der unabhängig Erwerbstätigen verringern würde.

Technologische Fortschritte und individuelle Präferenzen werden den Anteil unabhängiger Beschäftigung, ungeachtet der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, auf lange Sicht wahrscheinlich steigen lassen. Digitale Plattformen, über die unabhängig Beschäftigte an Aufträge kommen, befinden sich zwar noch in einer frühen Entwicklungsphase und werden nur von 15% der unabhängig Erwerbstätigen genutzt, doch ihre Zahl und Reichweite nimmt rasant zu. McKinsey schätzt, dass 30-45% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter es vorziehen würden, ein Einkommen aus unabhängiger Beschäftigung zu erwirtschaften, ob als Haupt- oder Nebenverdienst.

Dieser Trend ist mit Herausforderungen und Chancen für politische Entscheidungsträger, Arbeitskräfte und Arbeitgeber verbunden. Politische Entscheidungsträger müssen regelmäßige Erhebungen durchführen, um bessere Daten über unabhängig Beschäftigte zu erhalten. Zudem müssen sie die Art und Weise, wie unabhängig Beschäftigte eingestuft werden auf den neuesten Stand bringen, damit Besteuerung, Regulierung und Sozialleistungen und -schutz (einschließlich Antidiskriminierungsgesetze und Mindestlohn) entsprechend angepasst werden können. Die Politik ist dabei vor unterschiedliche Anforderungen gestellt: Hochqualifizierte Fachleute, die sich bewusst für unabhängige Beschäftigung als Haupteinkommensquelle entscheiden, sind anders zu behandeln als Geringqualifizierte, die ihre Dienste auf großen digitalen Plattformen wie Uber anbieten.

Die Anpassung des Anspruchs auf und des Zugangs zu Sozialleistungen könnte sich als besonders schwierig erweisen. Einige europäische Länder gehen das Problem an, indem sie neue Einstufungen von Arbeit einführen, einhergehend mit neuen Sozialleistungssystemen. Im britischen Recht wird zwischen traditionellen Angestellten und „Arbeitern“ unterschieden, die nur gewisse Arbeitnehmerrechte für sich beanspruchen können.

In den USA wächst das Interesse an einem System übertragbarer, anteiliger Leistungen – etwa bei der Arbeitslosen- und Berufsunfähigkeitsversicherung und bei Renten –, das an den Beschäftigten und nicht an den Arbeitgeber gebunden ist. In den USA könnten neue Gewerkschaften oder Berufsverbände für Beschäftigte eine Alternative sein, um die Vertragsbedingungen für unabhängig Beschäftigte auszuhandeln sowie die Leistungsansprüche von Beschäftigten zurückzuverfolgen und zu regeln, die für viele Kunden und Arbeitgeber tätig sind. Im Baugewerbe und in der Unterhaltungsindustrie sind vergleichbare Systeme bereits vorhanden.

Unternehmern eröffnen sich zudem Chancen, neue Produkte und Dienstleistungen zu erschaffen, die auf die Bedürfnisse der unabhängig Beschäftigten zugeschnitten sind. So etwa Bürogemeinschaften; Finanzlösungen, die Einkommensverluste zwischen einem und dem nächsten Auftrag glätten; Schulungen sowie die Schaffung weithin anerkannter Qualifikationen, die es unabhängig Beschäftigten ermöglichen, ihre Arbeit und ihre Einkommensmöglichkeiten zu verbessern.

Arbeitgeber werden ihrerseits lernen müssen, wann sie auf interne Mitarbeiter zurückgreifen sollten und wann auf freie Mitarbeiter. Vielen Faktoren werden diese Entscheidung beeinflussen, unter anderem Kosten, Qualität, Produktivität und der Schutz betriebsinterner Informationen.

Abschließend sind Arbeitskräfte selbst dafür verantwortlich, ihren beruflichen Werdegang stärker zu beeinflussen, indem sie offen für Chancen und die Entwicklung differenzierter Fähigkeiten sind, damit sie nicht im Pool schlecht bezahlter Generalisten landen oder von intelligenten Maschinen ersetzt werden. Dies könnte das wichtigste Element der bevorstehenden Transformation des Arbeitsmarktes sein: Die Beschäftigten sind die treibende Kraft dieses Wandels.

Die digitalen Technologien haben natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Zunahme unabhängiger Arbeitsverhältnisse gespielt. Digitale Plattformen wie Airbnb, Etsy und Uber haben wesentlich zum Abbau von Friktionen und zur Erhöhung der Transparenz der Märkte beigetragen, die unabhängige Beschäftigung fördern. Und die Entwicklung von Innovationen in diesem Bereich zeigt sich weiterhin robust.

Aber es sind die Nutzer dieser Plattformen, die den Arbeitsmarkt wirklich umgestalten. Unterstützt durch digitale Technologien verdienen sie in eigenem Interesse hinzu und profitieren dabei von flexibleren Arbeitsmodellen.

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Dieser Trend dürfte zu einer Abkehr vom alten Modell der Betriebsorganisation führen – in dem die meisten Arbeitskräfte spezialisierte Aufgaben für einen einzigen Arbeitgeber innerhalb einer starren Hierarchie erfüllen – hin zu einem Modell, bei dem schlanke Unternehmen im Mittelpunkt stehen, die für eine Vielzahl von Aufgaben auf ein loses Netzwerk externer Anbieter zurückgreifen. Ob dieses neue System tatsächlich gut für Arbeitskräfte, Arbeitgeber und Volkswirtschaften sein wird, hängt davon ab, wie alle beteiligten Akteure den Herausforderungen begegnen, die diesem Wandel innewohnen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.