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Die USA – Comeback Kid Der Weltwirtschaft

WIEN – Pünktlich zum Jahresende erreichen uns auch heuer wieder zahlreiche imposante Statistiken und Trendprognosen: So soll etwa China bereits 2016 die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen und Indien 2040 Indien mit 1,6 Milliarden Einwohnern das dann schon stagnierende China längst an Bevölkerungsreichtum übertroffen haben. Weniger beachtet, aber meines Erachtens deutlich spektakulärer: 2020 sollen die USA zum Energieexporteur und 2035 sogar energieautark werden. Diese Prognose ist jedoch nicht einer Revolution erneuerbarer Energie geschuldet, sondern vielmehr den gigantischen Schiefergas-Gasvorkommen in den USA sowie den neu entdeckten Ölvorkommen von Dakota bis zum Golf von Mexiko.

Allen Widerständen von Umweltschützern zum Trotz werden diese Vorkommen leichter zu nutzen sein als in Europa, da sie sich größtenteils in nicht oder nur dünn besiedelten Gebieten befinden. Der Abbau von Schiefergas kann dadurch zu so günstigen ökonomischen Bedingungen erfolgen, dass selbst der theoretische Export von amerikanischem Gas nach Europa Preisen nach sich ziehen würde, die 30 Prozent unter den derzeitigen Gazprom-Lieferpreisen lägen. Die USA werden deshalb in absehbarer Zeit erneut über billige Energie verfügen (billiger als in Europa, bedeutend billiger als in China). Das stellt die überzeugendste Einladung an energieintensive Industrieproduktionen dar, von Stahl über Glas, Chemie bis hin zu Pharma, sich in den USA niederzulassen. Denn die Energiekosten werden in diesen Produktionssparten schon heute als wesentlicher eingestuft denn die Arbeitskosten. Ob man es gutheißt oder nicht: Auf der Ebene von Löhnen und Gehältern ist Detroit inzwischen mit Shanghai wettbewerbsfähig.

Zu diesen beiden Standort-Faktoren kommen die durchaus wirtschaftsfreundlichen Regularien in den USA, eine verlässliche Rechtsstaatlichkeit und politische Stabilität. Wen wundert es da noch, dass die ersten amerikanischen Konzerne die Rückwanderung von China in die USA antreten? Weitere werden folgen. Wir werden daher ein wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte dauerndes Paradoxon erleben: Mitten in der sich entfaltenden Dienstleistungsökonomie des 21. Jahrhunderts kommt es zu einer Reindustrialisierung Amerikas.

Diesen Mehrwert werden die USA auch brauchen, um hartnäckige Probleme wie das ineffiziente Gesundheitssystem, die schwache Grundschulausbildung, die Kriminalitätsgefährdung junger Männer und die schreiende soziale Ungleichheit langfristig zu lösen. Sollte das zumindest ansatzweise gelingen, würde der Standort natürlich eine zusätzliche Aufwertung erfahren.