Syrian doctor Nazeer Al-Khatib/Getty Images

Flüchtlingsärzte für Flüchtlingsgesundheit

TORONTO – Syrische Flüchtlinge gelten oft als unwillkommene Belastung für die Gesellschaften, in denen sie aufgenommen werden, ganz besonders mit Bezug auf das Gesundheitssystem. Aber für diejenigen, die dem syrischen Bürgerkrieg entkommen sind, wird die Unkenntnis ihrer wahren Not nur übertroffen von der Realität ihrer Bedürfnisse – und der Vielfältigkeit ihrer Kenntnisse. Obwohl Flüchtlinge mit komplexen Gesundheitsprobleme in den Aufnahmeländern ankommen, bringen sie auch große Erfahrung im medizinischen Bereich mit, die, wenn sie angemessen genutzt wird, ein Segen für die Aufnahmegesellschaften sein können, ganz zu schweigen von anderen Flüchtlingen.

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Eine der größten Herausforderungen für Flüchtlinge überall ist es, einen Arzt zu finden. In vielen Aufnahmeländern sind Xenophobie, Sprachbarrieren oder Ärztemangel der Grund für eine unangemessene ärztliche Versorgung. Das gilt ganz besonders für Syrer, die in den Nahen Osten, nach Nordafrika, Europa und Nordamerika fliehen.

Aber viele syrische Flüchtlinge sind auch hochqualifiziert. Und während sie sich an Orten niederlassen, die weit von den Krankenhäusern und Kliniken entfernt sind, in denen sie einst gearbeitet haben, wollen sie ganz einfach wieder arbeiten. Ist es nicht an der Zeit, dass sie das tun?

Im Vereinigten Königreich wird gerade genau daran gearbeitet. Der nationale Gesundheitsdienst NHS und die britische Ärztekammer haben begonnen, Ärzte unter den Flüchtlingen zu schulen, davon viele aus Syrien und Afghanistan, um den Personalmangel in den britischen Kliniken zu beheben. Angeboten werden Sprachkurse, Aufbaustudien und Approbationen. Damit sollen Programme in London, Lincolnshire und Schottland Flüchtlingsärzte wieder in den Beruf eingliedern. Diese Bemühungen verdienen unser Lob.

Die Schulung von Flüchtlingsärzten ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern es ist auch praktisch sinnvoll. Vertriebene Ärzte sind besser geeignet, Flüchtlingspatienten zu behandeln. Sie können auch dazu beitragen, sicherzustellen, dass die neuen Patienten das Gesundheitssystem der Aufnahmeländer nicht überwältigen. Und die Schulung eines Flüchtlingsarztes ist preiswerter und schneller als eine komplette Arztausbildung. In Großbritannien leben circa 600 Flüchtlingsärzte, das heißt, es besteht ein großes ungenutztes Potenzial.

Darüber hinaus profitieren Flüchtlingspatienten davon, wenn sie von Ärzten behandelt werden, die verstehen, unter welchen Bedingungen sie leben und welchem psychosozialen Druck sie durch ihre Vertreibung ausgesetzt sind. Übersetzer können helfen, aber sie stehen in Krisensituationen nicht immer zur Verfügung. Ärzte, die Flüchtlinge emotional und kulturell verstehen, sind besser geeignet, Patienten zu beruhigen.

Großbritannien ist nicht da einzige Land, das das Potenzial der Flüchtlingsärzte erkannt hat. In der Türkei erhalten syrische Ärzte und Krankenschwestern eine Schulung im türkischen Gesundheitssystem. Das Ziel ist, ausgebildete syrische Fachleute zu befähigen, Flüchtlingspatienten zu behandeln und damit die Sprach- und Logistikhürden für eine effektive, zugängliche und respektvolle Pflege zu überwinden.

Aber andere Gastländer haben noch nicht so weit gedacht. Im Libanon und in Jordanien beispielsweise, wo zurzeit mehr als 1,6 Millionen registrierte syrische Flüchtlinge leben, wurden Bemühungen, es syrischen Ärzten zu ermöglichen, Flüchtlinge zu behandeln, kriminalisiert. Ärzte, die das Gesetz missachten, müssen Verhaftung und sogar Abschiebung fürchten. Sogar Kanada, ein Land, das normalerweise Diversität begrüßt und die Menschenrechte achtet, liegt bei innovativen Ansätzen in der ärztlichen Betreuung von Flüchtlingen hinter dem Mittelfeld. Syrische Ärzte müssen in Kanada viele, viele Jahre geschult werden und haben oft Schwierigkeiten, die hohen Kosten ihrer Anerkennung zu finanzieren.

Bei so viel Widerstand sollte die Gesundheit von Flüchtlingen als mehr angesehen werden als lediglich eine Reihe von logistischen und operationellen Herausforderungen, sondern auch als ein inhärent politischer Prozess. Wenn Flüchtlingspatienten angemessen behandelt und Flüchtlingsärzte angemessen eingesetzt werden sollen, müssen zwei Dimensionen dieses Themas berücksichtigt werden.

Da wäre zunächst einmal die Tatsache, dass es den Flüchtlingsärzten aus politischer oder persönlicher Voreingenommenheit schwerfallen könnte, von ihren lokalen Kollegen anerkannt zu werden. Voraussetzung für die Entwicklung proaktiver Maßnahmen mit Erfolgschancen ist es, das lokale Widerstandspotenzial gegen Integrationsprogramme für Flüchtlingsärzte richtig einzuschätzen.

Darüber hinaus müssen Flüchtlingsärzte geschult werden, um die vielfältigen medizinischen Fälle behandeln zu können, denen sie in ihren Aufnahmeländern begegnen werden. In vielen Herkunftsländern sind beispielsweise die medizinischen Belange von homo-, bi-, trans- und intersexuellen Menschen (LGBTI) noch immer ein Tabu, sogar unter Ärzten. Wenn Ärzte in Länder fliehen, in denen LGBTI-Gesundheit und -Rechte anerkannt werden, müssen sie auf diesem Gebiet geschult werden, ganz besonders hinsichtlich der Rechte der äußerst verletzlichen LGBTI-Flüchtlinge. Das kann eine Grundlage für eine offenere Gesellschaft sein.

Die syrische Flüchtlingskrise ist nur ein kleiner Teil einer globalen Vertreibungswelle. In der ganzen Welt sind um die 22,5 Millionen Menschen offiziell als Flüchtlinge registriert, und fast 66 Millionen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Diese Zahlen werden in nächster Zukunft nicht abnehmen. Wahrscheinlich werden sogar noch mehr Menschen durch vom Menschen und durch den Klimawandel verursachte Katastrophen vertrieben.

All diese zukünftigen Flüchtlinge werden an einem bestimmten Punkt medizinische Versorgung durch geschulte Fachleute brauchen, die sich in Themen wie Flüchtlingsgesundheit, Diversität und Inklusion auskennen. Die Befähigung von Flüchtlingsärzten, Teil der Lösung zu werden, wird dazu beitragen, Vorurteile hinsichtlich Diversität und sozialer Identität der Flüchtlinge zu überwinden. Genauso wichtig ist, dass sie ein wichtiger Schritt in Richtung Sicherstellung einer inklusiveren Gesundheit Geflohener bedeutet.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

http://prosyn.org/lbLq4OT/de;

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