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Ein besseres Jahr für Migranten?

DUBLIN – Die Migrationskrise im Mittelmeer vermittelt zwei wichtige Lehren. Erstens haben Europa und die internationale Gemeinschaft gröblich unzureichende Systeme zum Schutz verwundbarer Migranten. Und zweitens nutzen ohne derartige Systeme populistische Politiker Ängste aus, um politische Unterstützung zu gewinnen, und untergraben dabei die liberalen, toleranten Gesellschaften, die aufzubauen 70 Jahre harter Arbeit erfordert hat.

Daher sind in diesem Jahr kraftvolle Maßnahmen auf europäischer und globaler Ebene unverzichtbar. Im September wird UN-Generalsekretär Ban Ki-moon einen Sondergipfel einberufen, bei dem es darum geht, ein faires globales System zum Schutz von Flüchtlingen und gefährdeten Migranten einzurichten. Es steht zu hoffen, dass die teilnehmenden Länder bereit sind, greifbare langfristige Verpflichtungen einzugehen.

Hieran herrschte 2015 schmerzlicher Mangel. Tatsächlich hätte die internationale Gemeinschaft die Krise des letzten Jahres selbst mit bescheidener Unterstützung für die drei Frontstaaten – die Türkei, den Libanon und Jordanien, die gemeinsam vier Millionen syrische Flüchtlinge beherbergen – entschärfen können. Mit rund 10 Milliarden Euro hätten diese Länder eine bessere Unterbringung, Ernährung und Bildung der Flüchtlinge gewährleisten können, was den Anreiz für diese, nach Europa zu fliehen, verringert hätte. Dieses Versäumnis könnte allein Deutschland auf Jahre hinaus letztlich mehr als 21 Milliarden Euro jährlich kosten.

Doch die finanziellen Auswirkungen der Krise verblassen im Vergleich zu den menschlichen und politischen Kosten. Mehr als eine Million Menschen haben ihr Leben riskiert, indem sie im letzten Jahr das Mittelmeer überquerten, und anschließend aufreibende Reisen durch den Balkan ertragen. Fast 4000 Menschen starben unterwegs, und viele europäische Länder haben die Überlebenden im Stich gelassen und ihnen eine sichere Zuflucht verweigert.