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Die neuen Grenzbereiche der Loyalität

LONDON – Dies ist eine schwierige Zeit für Staaten, und für die Bürger ist sie noch schwieriger. Der Nationalstaat – der klassische Garant von Sicherheit und einem grundlegenden Maß an Wohlergehen im Austausch gegen die Treue seiner Bürger – ist bedroht, und zwar sowohl zu Hause wie auch als grundlegende Einheit internationaler Angelegenheiten.

Neue Arten der Loyalität und des Zusammenschlusses fordern die traditionelle Rolle des Staates heraus. Einige davon sind geografischer Art. In Europa allein gibt es mindestens 40 Möchtegern-Schottlands, die eine wie auch immer geartete Trennung von den Ländern anstreben, zu denen sie heute gehören. Andere Loyalitäten basieren auf anderen verwandten Identitäten – nicht nur religiösen oder ethnischen, sondern auch solchen, die auf gemeinsamen wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Interessen beruhen. Viel mehr von uns sind heute Unterstützer von NGOs als Mitglieder politischer Parteien.

Kurz gesagt: Unsere Bündnisse insbesondere im Westen schienen selten uneiniger als heute. Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonom Amartya Sen hat argumentiert, dass wir lernen können, mit diesen multiplen Identitäten zu leben und sogar von der Vielfalt der Staatsbürgerschaften und Loyalitäten, die sie uns ermöglichen, zu profitieren.

Aber diese Vielfalt ist nicht gänzlich harmlos. Viele von uns arbeiten für oder halten Aktien an Wirtschaftsunternehmen, die sich um nationale Steuer- oder Aufsichtsbehörden kaum zu scheren scheinen. Und in großen Teilen des Westens halten Staaten an Modellen der Fürsorge fest, die ihre Bürger zunehmend enttäuschen und häufig unbezahlbar sind. Eine globale Neuordnung des Wirtschaftswachstums bestraft die entwickelten Länder für ihr teures, auf hohen Steuern und hohen staatlichen Leistungen beruhendes Regierungsmodell.