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Die Vernunft im Zeitalter von Trump

MADRID – In der klassischen griechischen Tragödie Die Bakchen kämpft der Gott Dionysos angetrieben vom Durst nach Rache mit dem unflexiblen, engstirnigen König Pentheus um die Seele Thebens. Letztlich erweist sich Pentheus’ Starrheit – sein Versuch, die durch den leidenschaftlichen und unkonventionellen Dionysos angeheizten Emotionen zu unterdrücken, statt sie zu verstehen oder sich daran anzupassen – als sein Untergang. Dionysos geht als Sieger aus der Geschichte hervor, und Pentheus wird in Stücke gerissen.

Heute fordert der emotionale, quecksilbrige Donald Trump in den USA das politische Establishment zu einem Kampf um Amerikas Seele heraus. Aber Trump ist kein Gott. Und falls er diesen Kampf gewinnt, wird es seinem Land deutlich schlechter ergehen als Theben, und die Auswirkungen werden auf der ganzen Welt zu spüren sein.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Präsidentschaft Trumps täglich abzunehmen scheint, wäre es verfrüht – und tatsächlich hochriskant –, diese Möglichkeit völlig zu verwerfen. Wie das britische Votum für einen Austritt aus der Europäischen Union vom Juni auf krasse Weise gezeigt hat, sind die Bürger demokratischer Länder durchaus in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die ihrem rationalen Eigeninteresse zuwiderlaufen – ein Trend, der sich in letzter Zeit verstärkt hat.

Paradoxerweise ist dies nicht gänzlich unvernünftig. Inmitten wirtschaftlicher Schwierigkeiten, nationaler Identitätskrisen und populistischer Angstmacherei, die sämtlich von den sozialen Medien noch verstärkt werden, hat es eine gewisse Logik, sich Stimmen und Ideen zuzuwenden, die Trost und einen Auslass für die eigene Frustration bieten.

Doch während die Vorstellung eines Deus ex Machina sich gut anfühlen mag, wird sie die Probleme nicht lösen. Führer wie Trump machen alles nur noch schlimmer, weil sie das regelgestützte System untergraben, das uns während der letzten sieben Jahrzehnte Wohlstand und Sicherheit von ungeahntem Ausmaß gebracht hat.

Der Soziologe Max Weber hat vor einem Jahrhundert eine Klassifizierung der drei Typen von Legitimität vorgelegt, auf die sich Herrschaft gründen kann: Dies sind die traditionelle (ein ererbtes System), die charismatische (die Kraft der Persönlichkeit eines bestimmten Führers) oder die rechtliche (eine Reihe rationaler Regeln, die in fairer Weise angewandt werden) Legitimität. Für Weber wurzelte der moderne Staat auf einer offenkundigen rechtlichen Legitimität.

Doch im Gegensatz zu Webers Annahmen betrachtet heute eine wachsende Zahl der Menschen im Westen weder die Logik noch die Fairness der Regeln als offensichtlich. Dies lässt Raum für neue Führer, die ihr persönliches Charisma und Appelle an die Tradition nutzen, um Anhänger zu gewinnen. Diese Kombination hat sich allseits als anziehungsstark erwiesen, von den rechtsorientierten Populisten bis hin zu den Werbern des ISIS.

Sicherlich weist das bestehende System reale Probleme auf. Die westlichen Demokratien bieten zahllose Beispiele dafür, wie die Regulierung Amok läuft, und auch für Fälle, in denen die Regeln in ungleicher Weise angewandt werden. Wenn man dann noch die anhaltende einkommens-, rasse- und geschlechtsbedingte Ungleichheit hinzuzählt, so kann die Frustration über das bestehende System nicht überraschen.

Doch ist dies ein Grund dafür, Reformen zu verfolgen, und nicht, für jenen Komplettausstieg einzutreten, den immer mehr Menschen unterstützen. Und tatsächlich besteht der Schlüssel zur Rettung einer regelgestützten Ordnung nicht bloß darin, deren fraglose Überlegenheit unter Beweis zu stellen, sondern auch darin, ihre Fehler einzugestehen und anzugehen. Dies ist der einzige Weg, dafür zu sorgen, dass die Regeln als Quelle des Schutzes und nicht der Unterdrückung wahrgenommen werden.

Derartige Reformen sind nicht einfach. Politisch ist es sehr viel leichter und bringt viel mehr Stimmen, ein System zu kritisieren als es zu verteidigen, insbesondere wenn dieses System alles andere als perfekt ist. Aber verteidigen müssen wir es, und dabei muss die politische Führung wirksam erklären, warum die Regeln nötig sind – und das heißt auch, der Öffentlichkeit verständlich zu machen, warum das System so arbeitet wie es das tut.

Zugleich müssen die politischen Entscheidungsträger einen tiefer greifenden Blick auf das System werfen und lebenswichtige Änderungen vornehmen. Insbesondere müssen sie die Art und Weise anpassen, wie die Regeln aufgestellt werden, um sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse für die moderne Welt geeignet sind.

In einer Zeit, in der sich Veränderungen blitzschnell ereignen, gibt es eine Wahrnehmung, dass der formale Prozess, in dessen Rahmen die Regeln aufgestellt werden, zu langsam ist, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Doch bleiben die von formalen Prozessen produzierten vorhersehbaren Regeln unverzichtbar, um die für anhaltenden Wohlstand erforderliche Stabilität zu stärken. Was wir brauchen ist ein aktualisierter Ansatz, der die Evolution des Rechts in einem sich ständig fortentwickelnden Umfeld stützt und auf diese Weise sicherstellt, dass das Recht besser auf die Bedürfnisse der Bürger reagiert.

Der letzte Punkt auf der Agenda zur Wiederbelebung der regelgestützten Ordnung und für den Sieg über die zerstörerischen Dionysosse unserer Welt ist der schwierigste: Wir müssen die regelgestützten Gemeinschaften stärken. Der von den Entwicklungen der modernen Zeit durcheinandergebrachte Westen erlebt derzeit eine Hinwendung zu den Identitäten der Vergangenheit – Nationalismus, Tribalismus und Sektierertum –, deren Attraktivität auf ihrer Vertrautheit und Sicherheit beruht.

Doch die Identitätspolitik, das ist wohlbekannt, kann sehr zerstörerisch sein. Daher ist es entscheidend, dass regelgestützte Gemeinschaften wie der moderne Staat zu einem Halt werden, den die vom Wandel überwältigten Menschen packen können. Dies bedeutet, über die reine Vernunft hinauszugehen, um eine emotionale Bindung zu und zwischen den Bürgern zu schaffen.

Dies mag der Intuition zuwiderlaufen. Das Recht soll schließlich unparteiisch und rational sein; das ist seine zentrale Stärke. Aber wenn die regelgestützte Ordnung überleben will, muss sie nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern auch in ihren Herzen widerhallen.

Wie man diesen Prozess angehen soll, ist nicht ganz klar. Klar jedoch ist, dass es eine Grundlage gemeinsamer Werte erfordern wird und eine Führung, die aktiv und konsequent daran arbeitet, Glaubwürdigkeit aufzubauen und sich das Vertrauen einer skeptischen Öffentlichkeit zu verdienen. Andernfalls werden wir erleben, wie der Wandel hin zu einer unbändigen, von Leidenschaft und Versuchen des Machtgewinns geprägten Welt an Dynamik gewinnt.

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Die zunehmende Attraktivität der Irrationalität sollte für rationale politische Führer überall auf der Welt ein Weckruf sein. Wenn wir verhindern wollen, dass unsere Gesellschaften durch den Sirenengesang von Charisma und Nostalgie auf die Klippen gelockt werden, müssen wir starke Argumente für die Rechtstaatlichkeit vorlegen und zugleich Starrheit ablehnen. Das Versäumnis, dies zu tun, war schließlich, was Pentheus das Leben gekostet hat.

Aus dem Englischen von Jan Doolan