rogoff209_ROB ENGELAARANPAFP via Getty Images_ransomware ROB ENGELAAR/ANP/AFP via Getty Images

Ein Fluch schlimmer als Bargeld

CAMBRIDGE, MASS. – Ransomware – eine Art bösartiger Software, die den Zugriff auf ein Computersystem einschränkt, bis Lösegeld gezahlt wurde – lässt Kryptowährungen nicht gut aussehen. Die Befürworter dieser digitalen Coins würden lieber über prominente Investoren reden wie den Tesla-Gründer Elon Musk, den Eigentümer der Dallas Mavericks Mark Cuban, den berühmten Football-Quarterback Tom Brady oder die Schauspielerin Maisie Williams (Arya aus Game of Thrones). Doch jüngste Ransomware-Angriffe und die zentrale Rolle der Kryptowährungen dabei, diese zu ermöglichen, sind ein PR-Desaster.

Angriffe umfassen u. a. die Lähmung der Colonial Pipeline im letzten Monat, die die Benzinpreise an der US-Ostküste in die Höhe trieb, bis das Unternehmen den Hackern ein Lösegeld von fünf Millionen Dollar in Bitcoins zahlte, und den anschließenden Angriff auf JBS, den weltgrößten Fleischproduzenten. Diese Ereignisse beleuchten, was für einige von unsschon lange Grund zur Sorge bietet: Schwer nachverfolgbare anonyme Kryptowährungen bieten derartige Möglichkeiten für Steuerhinterziehung, Verbrechen und Terrorismus, dass sich Banknoten mit hohem Nennwert dagegen vergleichsweise harmlos ausnehmen. Auch wenn prominente Krypto-Fürsprecher politisch vernetzt sind und ihre Basis demokratisiert haben, können die Regulierungsbehörden nicht dauerhaft untätig bleiben.

Die Sicht, dass Kryptowährungen bloß ein unschuldiger Wertspeicher sind, ist erstaunlich naiv. Zwar mögen ihre Transaktionskosten ausreichend hoch sein, um den normalen Einzelhandel weitgehend abzuschrecken. Doch wer versucht, harte Kapitalkontrollen (etwa in China oder Argentinien) zu umgehen, illegale Einkünfte (womöglich aus dem Drogenhandel) zu waschen oder US-Finanzsanktionen (gegenüber Ländern, Unternehmen, Individuen oder terroristischen Gruppen) auszuweichen, für den können Kryptowährungen trotzdem eine ideale Option sein.

Schließlich hat die US-Regierung viele Jahrzehnte weggeschaut, was die Rolle ihrer 100-Dollar-Scheine bei der Erleichterung von Waffenkäufen und Menschenhandel anging, gar nicht zu reden davon, dass sie die Fähigkeit der Regierungen armer Länder zur Steuererhebung oder zur Wahrung des Friedens im Lande untergruben. Obwohl Bitcoin und andere Kryptovarianten den Dollar als Hilfsmittel der globalen Untergrundwirtschaft keineswegs abgelöst haben, gewinnen sie eindeutig an Bedeutung.

Angesichts der Tatsache, dass selbst führende US-Finanzunternehmen bestrebt sind, ihren Kunden Kryptooptionen anzubieten, kann man sich durchaus fragen, in was die Leute da investieren. Entgegen der landläufigen Behauptung, dass Kryptowährungen bei Transaktionen wenig Nutzen hätten und ihnen keinerlei Geschäftsaktivität zugrundeliegt, gibt es da sogar einen florierenden Wirtschaftszweig: Kryptowährungen stellen nicht nur eine dystopische Wette dar, sondern bieten eine Möglichkeit, in die global Untergrundwirtschaft zu investieren.

Wenn aber die Regierungen ihre Regulierung von Kryptotransaktionen letztlich drastisch werden verschärfen müssen, warum sind die Preise für Kryptowährungen im Allgemeinen und der Bitcoin-Preis im Besonderen dann derart steil gestiegen (wenn auch unter Schlagzeilen machenden Schwankungen)? Ein Teil der Antwort ist laut der Wirtschaftstheorie, dass es angesichts von Nullzinsen massive, langlebige Spekulationsblasen bei per se wertlosen Anlagewerten geben kann. Darüber hinaus argumentieren Kryptoanleger manchmal, dass der Sektor inzwischen derart viele institutionelle Anleger angelockt habe, dass die Politik nie wagen würde, ihn zu regulieren.

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Vielleicht haben sie Recht. Je länger es dauert, bis die Regulierungsbehörden aktiv werden, desto schwieriger wird es, private digitale Coins unter Kontrolle zu bringen. Die Regierungen Chinas und Südkoreas haben kürzlich begonnen, aktiv gegen Kryptowährungen vorzugehen, doch ist unklar, wie entschlossen sie dabei agieren werden. In den USA hat die Finanzlobby eine diesen Namen verdienende Regulierung digitaler Vermögenswerte bisher relativ erfolgreich verhindert; man denke etwa an den jüngst erfolgten Rückzug von Facebooks Digitalwährungsprojekt in die USA angesichts des von Schweizer Behörden orchestrierten weltweiten Regulierungsdrucks.

Zwar stimmt es, dass die Regierung von US-Präsident Joe Biden inzwischen zumindest Schritte eingeleitet hat, um im Rahmen ihrer Bemühungen, einen größeren Teil der ihr geschuldeten Steuern einzuziehen, eine Meldepflicht für Überweisungen in Kryptowährung von über 10.000 Dollar durchzusetzen. Doch letztlich wird die Reduzierung der potenziellen Liquidität schwer nachverfolgbarer Kryptowährungen ein hohes Maß an internationaler Koordination zumindest in den hochentwickelten Volkswirtschaften erfordern.

Tatsächlich ist dies ein Argument dafür, warum eine Kryptowährung wie Bitcoin ihren hohen Preis von rund 37.000 Dollar Ende Mai rechtfertigen könnte (obwohl ihr Preis sich ändert wie das Wetter). Wenn Bitcoins eine Investition in die Transaktionstechnologie sind, die der globalen Untergrundwirtschaft zugrundeliegt, und es viele Jahrzehnte dauern wird, bis selbst die hochentwickelten Volkswirtschaften der Währung Zügel anlegen, lassen sich in der Zwischenzeit eine Menge Rentenerträge durch Bitcoin-Transaktionen erzielen. Schließlich brauchen wir nicht zu erwarten, dass ein Unternehmen auf ewig im Geschäft bleibt – man denke an fossile Brennstoffe –, damit es heute einen beträchtlichen Wert hat.

Natürlich wird es in kriegsverheerten Ländern oder Schurkenstaaten immer einen Markt für Kryptowährungen geben, obwohl ihre Bewertungen viel niedriger wären, wenn Coins nicht per Geldwäsche in die reichen Länder verschoben werden könnten. Und womöglich gibt es Technologien, um die Anonymität zu beseitigen und so den wichtigsten Einwand gegen Kryptowährungen auszuräumen – obwohl zu vermuten ist, dass dies zugleich das wichtigste Verkaufsargument dafür beseitigen würde.

Niemand argumentiert gegen die Kryptowährungen zugrundeliegende Blockchain-Technologie, die unser Leben potenziell enorm verbessern könnte, indem sie etwa ein manipulationssicheres Netzwerk zur Überwachung von CO2-Emissionen zur Verfügung stellt. Und während der Betrieb des Bitcoin-Systems selbst enorm viel Energie verbraucht, gibt es inzwischen umweltfreundlichere Technologien, darunter solche auf „Proof-of-Stake“-Basis.

Unglücklicherweise für diejenigen, die ihre Lebensersparnisse in Kryptowährungen investiert haben, könnten sich die Ransomware-Angriffe gegen eine wachsende Zahl von Unternehmen und Einzelpersonen als der Wendepunkt erweisen, an dem die Regulierungsbehörden endlich Rückgrat zeigen und eingreifen. Viele von uns kennen Personen, deren kleine, angeschlagene Unternehmen durch derartige Erpressungen dezimiert wurden. Auch wenn die Regierungen womöglich über bessere Instrumente verfügen, um Kryptowährungen nachzuverfolgen, als sie zugeben: Sie befinden sich in einem Wettrüsten mit Kräften, die ein ideales Mittel gefunden haben, sicherzustellen, dass sich ihre Verbrechen lohnen. Die Regulierungsbehörden müssen aufwachen, bevor es zu spät ist.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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