13

Katars Strategie des Abwartens

DOHA – Als die arabischen Golfstaaten am 5. Juni ankündigten, die diplomatischen Beziehungen zu Katar aufgrund der Verbindungen des Landes zu Terroristen abzubrechen, war die Botschaft klar: passt euch der Regionalpolitik an oder ihr werdet dafür bezahlen. Eine Woche später scheint Katar nicht in Eile, sich zu fügen. Und die außenpolitische Konfusion von US-Präsident Donald Trump vertieft die Gräben.

Katar als regionalen Paria abzustempeln, wird das Kalkül des Landes aus zwei Gründen nicht ändern. Zunächst ist das Land schlicht und einfach zu reich, um es herumzuschubsen. Katars üppige Erdgasvorkommen finden ihren Ausdruck in einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit. Selbst die von Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Bahrain und Ägypten verhängten Handels- und Reiseverbote werden der Wirtschaft Katars nicht erheblich schaden.

Der zweite Grund, warum Katar es sich leisten kann, das Problem mit seinen Nachbarn auszusitzen, ist seine strategische Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Mit dem al-Udeid-Luftwaffenstützpunkt, der als Amerikas Basis für Operationen im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) dient, schafft es Katar, seine Verbindungen zu islamistischen Extremisten und eine starke Beziehung zu den USA raffiniert unter einen Hut zu bringen.

Katars Verbindungen zu dschihadistischen Gruppen zogen zwar den amerikanischen Zorn auf sich, doch die USA haben von diesen Verbindungen auch profitiert. Beispielsweise überzeugte Katar die Taliban im Mai 2014, den amerikanischen Soldaten Bowe Bergdahl freizulassen; drei Monate später half man, die Freiheit des amerikanischen Journalisten Peter Theo Curtis zu sichern, der sich in der Gefangenschaft des syrischen Al-Kaida-Ablegers, der Al-Nusra-Front, befand. Katar glaubt, seine Verbindungen mit Organisationen wie der Hamas, den Taliban und der Al-Kaida haben deren Positionen gemildert und sie für Verhandlungen zugänglicher gemacht.

Die größten Nachbarn Katars am Golf sehen die Dinge freilich anders; im Laufe vergangener Uneinigkeiten gelang es der US-Diplomatie aber, den Frieden zu erhalten. Damit ist jetzt Schluss. Die Trump-Administration hat keinerlei Fähigkeiten an den Tag gelegt, die regionalen Spannungen zu entschärfen. Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen, griff Trump Katar auf Twitter verbal an und schien sich die Entscheidung Saudi Arabiens und der VAE als sein Verdienst anzurechnen. Dies komplizierte das Narrativ der USA und zwang das Pentagon sowie auch das Außenministerium, einen neutraleren Ton anzuschlagen. Während ein Pentagon-Sprecher Katars „dauerhaftes Engagement für die regionale Sicherheit” lobte, bezeichnete eine Sprecherin des Außenministeriums die Beziehungen zwischen den USA und Katar als „stark” und pries Katars Bemühungen zur Eindämmung der Finanzierung von Terroristen.

Katar etablierte sich vor Jahren in einer Nische als Vermittler in Konflikten. Aber nach den Revolten des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 verfolgte man eine interventionistische Außenpolitik zugunsten der Islamisten – ein Schritt, der Ägypten, Saudi Arabien und die VAE verärgerte.

Die Beziehungen zwischen Bahrain und Katar waren indessen noch nie gut. Die zwei Länder gerieten 1986 in einen Konflikt über umstrittene Inseln. Heute verachten die sunnitischen Herrscher Bahrains die freundlichen Beziehungen Katars mit dem Iran und beschuldigen die Islamische Republik, Unruhen unter der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung Bahrains zu schüren.

Durch die Schließung ihrer Grenzen und die Sperre ihres Luftraums für Flugzeuge Katars stehen diese vier Staaten an der Spitze der Kampagne gegen Katar. Außerdem hat man auch die Handelsbeziehungen abgebrochen. Die meisten arabischen Golfstaaten verlangten von ihren Bürgern, Katar zu verlassen. Und in den VAE ist es mittlerweile verboten, Sympathiebekundungen für Katar auf sozialen Netzwerken zu posten.

Obwohl die Liste der Länder, die die Beziehungen abbrachen, durch ihre Geschlossenheit beeindruckt, ist die Reihe der Länder, die nicht mitmachten, ebenso bemerkenswert. Kuwait und Oman sind dem Beispiel nämlich nicht gefolgt, obwohl beide Mitglieder des Golf-Kooperationsrates sind (dem neben Katar auch Bahrain, Saudi Arabien und die VAE angehören). Dem Anti-Katar-Block gelang es also nicht einmal, seine engsten Verbündeten zu überzeugen, sich ihm anzuschließen.

Jordanien kündigte zwar an, die diplomatischen Beziehungen herabzustufen, hat dazu allerdings wenige Details vorgelegt. Solange Katar Beziehungen zu Ländern wie Jordanien und Kuwait aufrechterhalten kann, werden sich die Auswirkungen der aktuellen Kampagne wohl in Grenzen halten.  

Tatsächlich haben sich schon frühere Versuche zur Isolierung problematischer arabischer Staaten letztlich allesamt totgelaufen. Nachdem der Iran 1986 irakisches Territorium erobert hatte, übte die gleiche Allianz, die heute gegen Katar vorgeht, Druck auf Syrien aus, seine Beziehungen mit dem Iran herabzustufen. Saudi Arabien bediente sich dabei einer Taktik von Zuckerbrot und Peitsche und bot Syrien unter anderem an, den Iran als wichtigsten Öllieferanten abzulösen. Doch obwohl Syrien unter einem massiven Zahlungsbilanzdefizit, einer mehrjährigen Dürre und sinkender Auslandshilfe litt, ließ man die saudische Koalition abblitzen.  

Angesichts des gemeinsamen Eigentums am weltgrößten Erdgasfeld South Pars im Persischen Golf muss Katar gegenüber dem Iran vorsichtig agieren. Der Iran hat angeboten, 40 Prozent der Lebensmittelversorgung Katars zu übernehmen, die man von Saudi Arabien aufgrund der Blockade nicht mehr erhält. Trotz des geringen Risikos, dass Katar zu sehr in die Sphäre des Iran gerät, sollte eine weitere Vertiefung der Beziehungen der US-Regierung Anlass zur Sorge geben, da ja Trumps oberste politische Strategie im Mittleren Osten darin besteht, den Iran zu isolieren.

Dennoch hat das US-Führungsvakuum der regionalen Diplomatie die Tür geöffnet und Kuwait versucht nun, in der aktuellen Krise zu vermitteln. Möglich, dass alle Parteien im Gegenzug für kosmetische Zugeständnisse übereinkommen, einen Schritt zurückweichen. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Graben über Monate, wenn nicht gar Jahre, bestehen bleibt und ein zersplitterter Mittlerer Osten weiter aus den Fugen gerät – und die Wirkungslosigkeit des obersten amerikanischen Twitterers noch stärker hervortreten lässt. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier