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Putins Geschichtsstunde

CAMBRIDGE – Die sowjetische Ideologie war immer zukunftsorientiert. Im Gegensatz dazu ist die offizielle russische Ideologie von heute direkt auf die Vergangenheit ausgerichtet.

In Putins jüngstem Artikel für die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza – aus Anlass des 60. Jahrestages der Nazi-Invasion in Polen – kommt seine Entschlossenheit zum Ausdruck, die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu einem wesentlichen Bestandteil der russischen Regierungsgeschäfte zu machen. In diesem Artikel spiegeln sich die tiefen, ungelösten Probleme der Ära Putin wider: die Unfähigkeit, zwischen sowjetischer Vergangenheit und russischer Gegenwart zu unterscheiden; eine skrupellose Mischung aus politischem Konservatismus und historischem Revisionismus und eine an Unverständnis grenzende Gleichgültigkeit gegenüber den zentralen Werten der Demokratie.

In seinem Beitrag bedauert Putin den Zusammenbruch der UdSSR nicht, obwohl er dieses Ereignis bei früheren Gelegenheiten als die „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete. Vielmehr lobte er die demokratischen Bewegungen, die zum Untergang der Sowjetunion und ihrer Einflusssphären führten und er äußerte keine Sympathie für die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die er als „tiefe Wunden“ bezeichnete, die sich die Menschheit selbst zufügte.

Worüber sich Putin und seine historischen Berater wirklich Gedanken machen, ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Sie betrachten den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland als die größte Leistung des Staates und der Nation, die sie von der UdSSR übernahmen. Überdies sehen sie diesen Sieg als das wichtigste Gegengewicht zum Andenken an die UdSSR als Herrschaft brutaler und ungerechtfertigter Gewalt.