3

Gefährdete Welt

ROM – 2010 erreichten die Entscheidungsträger der Welt das Millenniumsentwicklungsziel (MEZ), den Anteil der Armen an der Weltbevölkerung auf die Hälfte des Niveaus von 1990 zu reduzieren, – und kamen dem offiziellen Plan damit fünf Jahre zuvor. Doch verstärken steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen die anhaltende Gefährdung durch Armut weltweit. Schließlich ist Armut keine unabänderliche Eigenschaft einer festen Gruppe, sie ist vielmehr ein Umstand, von dem Milliarden gefährdeter Menschen bedroht sind.

Trotz ihrer Defizite sind Einkommensmaße nützlich, um einen besseren Überblick über das Ausmaß von Armut und Gefährdung weltweit zu bekommen. Allerdings ist die Armutsgrenze der Weltbank von 1,25 US-Dollar pro Tag (gemessen in Kaufkraftparitäten), mit der der Fortschritt im Hinblick auf das Armutsbekämpfungsziel der MEZ gemessen wird, nicht der einzige relevante Grenzwert. Wenn man die Armutsgrenze auf tägliche Ausgaben von 2 Dollar pro Kopf anhebt, steigt die globale Armutsquote von 18 % auf ungefähr 40 %, was zeigt, dass viele Menschen nur knapp oberhalb der vorgegebenen Armutsgrenze leben und durch externe Schocks oder Änderungen der persönlichen Umstände, wie Preissteigerungen oder Einkommensverluste, gefährdet sind.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Drei Viertel der Armen der Welt leben in ländlichen Gebieten, in denen landwirtschaftliche Arbeiter am meisten von Armut betroffen sind, was vor allem durch die geringe Produktivität, saisonbedingte Arbeitslosigkeit und die niedrigen Löhne bedingt ist, die die meisten Arbeitgeber auf dem Land zahlen. In den letzten Jahrzehnten haben die Gefährdung und die wirtschaftliche Unsicherheit zugenommen, da es mehr Gelegenheitsarbeit sowie vorübergehende und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt, z. B. Selbständigkeit, Teilzeitstellen, befristete Verträge, Zeitarbeit und Bereitschaftsdienst. Auch steigt die Zahl der Heimarbeitsstellen, die häufig von Frauen besetzt werden.

Die Liberalisierung des Arbeitsmarktes, die Globalisierung und der abnehmende Einfluss der Gewerkschaften haben diese Beschäftigungstrends noch verschärft. Gleichzeitig zielten die makroökonomischen Maßnahmen darauf ab, eine niedrige, einstellige Inflation zu erreichen, anstatt Vollbeschäftigung zu schaffen, während der eingeschränkte Sozialschutz die wirtschaftliche Unsicherheit und Gefährdung verstärkt hat.

Während der Ostasien-Krise 1997-1998 stieg die Armut stark an. So schnellte in der Krise beispielsweise die Armutsrate Indonesiens von ungefähr 11 % auf 37 % in die Höhe, was zum größten Teil an der massiven Abwertung der Rupie lag.

Ebenso musste die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aufgrund der Preiserhöhungen für Nahrungsmittel und der Rezession nach der Weltwirtschaftskrise 2008 ihre Schätzungen zum Hunger auf der Welt nach oben korrigieren, auf über eine Milliarde Menschen. Angesichts der vorsichtigen Definition der FAO für chronischen starken Hunger ist dies ein echtes Armutszeugnis für die weltweiten Bemühungen zur Bekämpfung der Armut.

Die meisten armen Erwachsenen in Entwicklungsländern müssen arbeiten, sei es auch nur, um zu überleben. Abgesehen von den „working poor“, den arbeitenden Armen, rutschten 2008-2009 aufgrund der Weltwirtschaftskrise zusätzliche 215 Millionen Arbeiter unter die Armutsgrenze ab. Weitere 5,9 %, oder 185 Millionen Arbeiter, lebten von weniger als 2 Dollar pro Tag. Die laut Schätzungen 330 Millionen arbeitenden Frauen, die 2008-2009 unterhalb der Armutsgrenze lebten, machten ungefähr 60 % der 550 Millionen arbeitenden Armen weltweit aus.

Neue Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die auf einer anderen Methode als der der Weltbank beruhen, zeigen, dass zwar die Anzahl derer, die als arbeitende Arme auf der Welt eingestuft wurden, von 2000 bis 2011 um 158 Millionen gesunken ist (von 25,4 % der Arbeiter auf 14,8 %), der Fortschritt aber seit 2008 deutlich langsamer geworden ist. So schafften es zwischen 2007 und 2011 nur 15 % der Arbeiter, also 24 Millionen Menschen, die Armutsgrenze zu überwinden. Den anderen 134 Millionen Arbeitern, die der Armut entkommen sind, gelang dies früher: von 2000-2007. Im Jahr 2011 gab es demzufolge 50 Millionen mehr arbeitende Arme, als anhand der Trends vor der Krise von 2002 bis 2007 berechnet worden war.

Das Fehlen einer grundlegenden sozialen Sicherung in den meisten Ländern verschärft die Gefährdung. Im ILO World Social Security Report (Bericht für soziale Sicherheit auf der Welt) wurde eine hohe oder sehr hohe Gefährdung durch Armut und Regelwidrigkeiten auf dem Arbeitsmarkt für 58 Länder festgestellt, vor allem in Afrika und Asien. Die meisten dieser Länder bieten keine Arbeitslosenversicherung, während über 80 % ihrer Bevölkerung keinen Sozialversicherungsschutz und keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge haben.

Tatsächlich bieten derzeit nur wenige Länder einen umfassenden Sozialschutz, wie er in Konvention 102 der ILO definiert ist (das Instrument, mit dem das international abgestimmte Minimum an Sozialversicherungsstandards festgelegt wird). Laut ILO bietet nur ein Drittel der Länder weltweit – in denen etwa 28 % der Weltbevölkerung wohnen – alle neun Schutzarten, was bedeutet, dass nur ca. 20 % der Weltbevölkerung im arbeitsfähigen Alter (und ihre Familien) einen umfassenden Schutz genießen.

Obwohl alle Länder einen gewissen sozialen Schutz oder eine Sozialversicherung bieten, ist der Schutz in den meisten Ländern stark begrenzt und auf spezifische Gruppen beschränkt. Infolgedessen hat nur eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung vollständigen, rechtlich garantierten Zugang zu den existierenden Sozialversicherungsprogrammen – was bedeutet, dass ungefähr 5,6 Milliarden Menschen weltweit in unterschiedlichem Maße gefährdet bleiben.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Auch auf einem Verdienstniveau, das weit über der Armutsgrenze der Weltbank von 1,25 Dollar pro Tag liegt, sind die Menschen gefährdet, vor allem angesichts der weltweit ansteigenden Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und des unzureichenden Sozialschutzes. Um die globale Armut effektiv zu bekämpfen, müssen die Entscheidungsträger weltweit einen umfassenderen Ansatz wählen, der sich darauf konzentriert, die Gefährdung der Bürger zu verringern.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann