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Populisten können Recht haben

Ist der Aufstieg linksgerichteter Regierungen in Lateinamerika und hier vor allem die Wahl Evo Morales’ zum bolivianischen Präsidenten der Vorbote für einen Linksruck auf dem gesamten Kontinent? Markiert dieses Ereignis eine Abfuhr für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten in dieser Region? Wird es beispielsweise zu einer Wiederverstaatlichung der enormen Erdgasvorkommen in Bolivien führen?

Dabei handelt es sich zwar um entscheidende Fragen, die aber an der übergeordneten Bedeutung des Aufstieges einer Person wie Morales vorbeigehen, denn er ist Boliviens erster gewählter indigener Präsident. Sein Sieg markiert einen Schritt in Richtung Demokratisierung ganz Lateinamerikas mit positiven langfristigen Aspekten für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region.

Um den Grund dafür zu verstehen, ist es hilfreich, sich die geschichtliche und wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas insgesamt zu vergegenwärtigen. Die Gesellschaften Lateinamerikas wurden durch die europäische Unterwerfung indigener Völker sowie den daraus entstandenen ethnischen Trennlinien geformt. Sowohl die USA als auch Lateinamerika sind heute noch damit beschäftigt, diese historischen Trennlinien zu bewältigen.

Die Europäer, welche die Amerikas nach 1492 eroberten und kolonialisierten fanden nicht, wie manchmal behauptet, riesige, leere Landstriche vor, sondern Gebiete, die von alten Kulturen bevölkert waren, deren Ursprung tausende Jahre zurückreichte. Ein großer Teil der indigenen Völker erlag bald darauf den von den Europäern eingeschleppten Krankheiten und bitterer Not. Viele allerdings überlebten auch, oftmals in großer Anzahl wie in Bolivien und im Hochland der Anden.