volunteers painting wall Jose Luis Pelaez Inc/Getty Images

Ein besserer Populismus

CHICAGO – Der wirtschaftliche Erfolg der freiheitlichen Demokratien während der Nachkriegszeit beruhte nicht allein darauf, dass man die Märkte erfolgreich machen ließ. Die USA und die europäischen Länder betteten sie zugleich in eine Struktur ein, die es den Menschen ermöglichte, in umfassender Weise von ihnen zu profitieren. Diese Struktur ist heute am Zusammenbrechen, was populistischen Führern auf der Linken wie der Rechten Auftrieb verleiht. Diese stellen zwar die richtigen Fragen, aber haben selten die richtigen Antworten. Vielleicht sollten sie es den Menschen stattdessen einfacher machen, eigene Lösungen zu entwickeln.

Warum ist die Nachkriegsstruktur am Zusammenbrechen? In der unmittelbaren Nachkriegszeit bereitete in den USA ein formidables System weiterführender Schulen die Schüler aufs Berufsleben oder das Studium an den weltbesten Universitäten vor. Sie traten mit den nötigen Fertigkeiten ins Berufsleben ein, um gute Arbeitsplätze zu bekommen. Hohes Wirtschaftswachstum und ein relativ geringes Maß an Regulierung ermutigten viele, eigene Unternehmen zu gründen. Eine flexible Arbeitsmarktpolitik ermöglichte es Arbeitnehmern, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes rasch wieder eine neue Stelle zu finden. Wenn es mal Rezessionen gab, waren sie schwach und kurz.

Die hervorragende Vorbereitung der Amerikaner im „Marktvorfeld“ über das Bildungssystem und die vielen ihnen offenstehenden wirtschaftlichen Chancen erlaubten es den USA, mit einer relativ begrenzten sozialen Absicherung gegen die Schwankungen des Marktes auszukommen. Die Arbeitslosenversicherung war bescheiden, und eine Krankenversicherung hatten viele – selbst nach der Einführung von der US-Bundesregierung geförderter Versicherungsprogramme für Senioren und die ganz Armen in den 1960er Jahren – gar nicht.

Das Bildungssystem Kontinentaleuropas war anfangs deutlich schlechter. Der durchschnittliche Mann hatte in Frankreich 1950 nur 4,75 Jahre lang die Schule besucht (ein Niveau ähnlich wie heute in Myanmar). In den USA waren es acht Jahre. Aber Europa verringerte den Abstand stetig und schuf zugleich starke Schutzmechanismen für Arbeitnehmer und starke soziale Netze. In einem gewissen Sinne glich Europa seine ursprünglich geringere Vorbereitung im Marktvorfeld durch eine stärkere dem Markt nachfolgende Unterstützung aus. Beide Systeme funktionierten in den Nachkriegsjahrzehnten gut.

Unglücklicherweise geriet das Wachstum Anfang der 1970er Jahre ins Stocken. Die kapitalistischen Demokratien des Westens reagierten hierauf mit einer verstärkten Liberalisierung zu Hause und einer vertieften wirtschaftlichen Integration miteinander. Obwohl die USA den Schwerpunkt auf Erstere legten und Kontinentaleuropa ihn auf Letztere legte, näherten sich beide Systeme zu einem gewissen Grad an. Insbesondere verbesserte Europa seine Unterstützung im Marktvorfeld, während es seine dem Markt nachfolgenden Schutzmechanismen, die in einer Zeit schwachen Wachstums zunehmend unbezahlbar wurden, teilweise abbaute.

Doch so richtig erreichte das Wachstum das hohe Niveau der Nachkriegsjahrzehnte nie wieder. Und in letzter Zeit hat die technologische Revolution viele gut bezahlte Routinetätigkeiten wegautomatisiert und zur Auslagerung von Arbeitsplätzen mittleren Einkommens in der Fertigung geführt. Die gut bezahlten Arbeitsplätze von heute erfordern größere Fertigkeiten und also mehr Unterstützung im Marktvorfeld.

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Bedauerlicherweise ist eine derartige Unterstützung in den USA heute deutlich ungleicher verteilt. In den erfolgreichen Gemeinwesen der Städte und Vororte werden Kindern die Fähigkeiten vermittelt, die sie für den Erfolg brauchen. In den im Abschwung begriffenen semiländlichen Gebieten und den städtischen Gettos geschieht das nicht. Die USA versuchen seit Jahrzehnten, ihre scheiternden Schulen zu verbessern. Doch die zunehmende Segregation nach Einkommen erschwert diese Aufgabe. Während die Angehörigen der akademischen Berufe mit ihren Kindern in erfolgreiche, von der Ober- und Mittelschicht geprägte Gemeinwesen flüchten, verhindern die hohen Lebenshaltungs- und Wohnungskosten, dass sich andere ihnen anschließen. Die Anforderungen des Marktes schaffen eine Leistungsgesellschaft, aber eine vererbte, in der die Kinder der Erfolgreichen selbst größere Erfolgschancen haben.

Die heterogene Qualität der Schulbildung ist auch im stärker egalitären Europa ein wachsendes Problem, da immer mehr Einwanderer in die preiswerten Wohnviertel der Arbeiter ziehen. Weil sich Einwandererkinder häufig an ein anderes Schulsystem und eine neue Sprache gewöhnen müssen, brauchen sie in der Aufholphase nahezu unweigerlich die überproportionale Aufmerksamkeit der Lehrer und schulischen Mitarbeiter. Auch dies beeinflusst das Schulerlebnis der bestehenden Schuler und schafft einen Anreiz für Aufsteigerfamilien, wegzuziehen.

Der relative Chancenmangel für die Zurückbleibenden wird vermutlich noch verschärft durch das Wachstum von Unternehmen mit Superstar-Status. Dies ging in den USA mit einem Abschwung bei der Gründung von Start-ups und bei unternehmerischen Projekten einher. Die Arbeit in den Superstar-Unternehmen erfordert größere Fertigkeiten. Amazons Versprechen, in seiner geplanten neuen Zentrale in Queens, New York City, tausende von Arbeitsplätzen zu schaffen, war für die örtliche Gemeinschaft weniger attraktiv, als man aufgrund der bloßen Zahl hätte annehmen sollen, weil viele der besseren Arbeitsplätze für die meisten Anwohner ohnehin außer Reichweite lagen. Progressive Demokratische Politiker machten dann gegen Amazon mobil, das seine Pläne inzwischen aufgegeben hat.

Linke Populisten reagieren auf das Schwinden der Unterstützung für ihre Klientelen im Marktvorfeld mit Forderungen nach Ausweitung des Sicherheitsnetzes etwa um eine allgemeine Krankenversicherung (in den USA), Arbeitsplatzgarantien und Formen eines universellen Grundeinkommens. Die populistische Rechte betrachtet derartige Vorschläge als Bedrohung, weil sie die Nachhaltigkeit des bestehenden Sicherheitsnetzes für die im Lande geborene Mehrheit untergraben.

Die Reaktion rechter Populisten auf den Niedergang ihrer Gemeinwesen besteht darin, Einwanderern und anderen Minderheiten sowie dem Handel die Schuld zu geben. Und es stimmt, dass eine Verhinderung der Einwanderung den Druck auf Schulen und Dienstleistungen in den Arbeitervierteln zunächst verringern würde. Längerfristig jedoch wird diesen Vierteln dadurch die Jugend, Energie und letztliche Revitalisierung vorenthalten, die Einwanderer mitbringen. Und während die populistische Linke die Einwanderung unterstützt, weil sie unverzichtbar für die Aufrechterhaltung neuer Sozialprogramme ist, sympathisiert sie tendenziell mit der Rechten beim Handelsprotektionismus.

Unglücklicherweise wird ein Protektionismus zu Lasten der Nachbarn die Welt ärmer machen. Im Niedergang begriffene Gemeinwesen brauchen dringend alternative Möglichkeiten, um neue Wirtschaftsaktivitäten anzulocken und ihre Bürger in die Lage zu versetzen, besser auf die Globalisierung und den technologischen Wandel zu reagieren.

Die Hauptstädte sind von den örtlichen Sorgen häufig zu weit weg und zu gelähmt von internen Streitereien, um diesbezüglich eine Führungsrolle zu übernehmen. Gebraucht werden Lösungen auf kommunaler Ebene, die engagiert und mit Kenntnis der örtlichen Gemeinschaften umgesetzt und von den nationalen Regierungen finanziell und ggf. durch eine leichte Beaufsichtigung unterstützt werden.

Wenn derartige Maßnahmen für die Menschen in den benachteiligten Gemeinwesen die Vorbereitung im Marktvorfeld verbessern können, wird eine Verbesserung des dem Markt nachfolgenden Sicherheitsnetzes zugleich weniger notwendig und bezahlbarer. Wäre es nicht sinnvoller, die grandiose Zentralisierungspolitik der populistischen Linken und Rechten zu vermeiden und stattdessen den örtlichen Gemeinwesen mehr Vertrauen zu schenken? Das wäre eine wahrhaft populistische Idee.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

http://prosyn.org/4KpIrQg/de;

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