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Putin, Papst und Patriarch

NEW YORK – Seine Jahre als KGB-Offizier haben den russischen Präsidenten Wladimir Putin gelehrt, wie man andere ausnutzt. In Steven Lee Myers’ hervorragender neuer Biographie The New Tsar beschreibt der ehemalige Moskauer Büroleiter der New York Times, wie Putin während seiner Stationierung in der DDR in den letzten Jahren des Kommunismus Schwächen seines Gegners nutzte, um die sowjetische Sache voranzutreiben.

Das heutige historische Treffen auf Kuba zwischen Papst Franziskus und dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Kirill, ist eine weitere Gelegenheit, bei der Putin seinen Vorteil suchen wird. Es ist das erste Treffen zwischen einem römischen Papst und einem russischen Patriarchen seit dem Großen Schisma von 1054, als theologische Differenzen den Glauben in einen westlichen und einen östlichen Zweig spalteten. Seitdem galt die orthodoxe Kirche (auf Russisch Prawoslawie, was wörtlich so viel heißt wie der „rechte Glaube“) in Russland als einzig wahre Form des Christentums, und andere Glaubensrichtungen wurden wegen ihrer Unterstützung des Individualismus und ihrer unzureichenden Verehrung der menschlichen Seele abgelehnt.

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Fast ein Jahrtausend lang schien diese Feindseligkeit unüberwindlich. In moderner Zeit erforderte es die Drohung eines Atomkrieges, um Bemühungen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Ost und West auszulösen – und selbst dann ging die Wiederannäherung in erster Linie von der weltlichen russischen Regierung aus. Im Jahre 1963 schickte der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow, ein überzeugter Atheist, seinen Schwiegersohn und Berater Alexej Adschubej in eine historische Audienz beim damaligen Papst Johannes XXIII.

Der echte Durchbruch jedoch kam 1989, als sich der sowjetische Ministerpräsident Michail Gorbatschow mit Papst Johannes Paul II. traf, einem polnischen Priester, der das vergangene Jahrzehnt damit verbracht hatte, sein Pontifikat als Teil der Opposition zur atheistischen totalitären sowjetischen Herrschaft zu positionieren. Nach dem Fall der Sowjetunion blieben die Beziehungen warm, und Boris Jelzin, der erste Präsident der Russischen Föderation, besuchte den Vatikan 1991 und 1998. Einwendungen der russisch-orthodoxen Kirche freilich hinderten den Papst, Einladungen zu einem Besuch in Moskau anzunehmen.

Unter Putins Präsidentschaft gewannen die  Beziehungen zwischen Russland und dem Heiligen Stuhl eine neue Bedeutung. Anders als die offiziell atheistischen Sowjets arbeitet Putin eng mit der orthodoxen Kirche zusammen, tritt für konservative gesellschaftliche Werte in Russland ein und versucht, den russischen Einfluss im Ausland auszuweiten.

Im Jahr 2007 kam es zur Wiedervereinigung der russisch-orthodoxen Kirche mit einem abtrünnigen Zweig, der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland, die sich aus Protest gegen enge Verbindungen zu den Bolschewiken abgespalten hatte. „Die Wiederbelebung der kirchlichen Einheit ist eine entscheidende Voraussetzung für die Wiederbelebung der verlorenen Einheit der gesamten ‚russischen Welt‘, zu deren Grundlagen schon immer der orthodoxe Glaube gehörte“, erklärte Putin bei einer Feier zu diesem Anlass.

Das Treffen auf Kuba bietet Putin Gelegenheit, sich als der russische Staatschaf zu etablieren, in dessen Ägide der Beginn eines Dialogs zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche fiel. Die Bedeutung, die er diesem Ereignis zuweist, spiegelt sich schon in seiner Unwahrscheinlichkeit wider.

Schließlich kam es unter Putin und Kirill zu einer zunehmenden Feindseligkeit dem Westen gegenüber; beide haben die russisch-orthodoxe Kirche in Richtung Konservatismus, Nationalismus und Intoleranz ausgerichtet. Der Patriarch (der laut Gerüchten selbst dem KGB gedient haben soll) hat den Krieg in Syrien „einen heiligen Kampf“ genannt und hinzugefügt, dass „unser Land heute die vielleicht aktivste Kraft in der Welt ist, um [diesen Kampf] zu führen“. Franziskus ist im Gegensatz dazu nicht bloß eindeutig progressiv eingestellt – er weigert sich sogar, schlecht über Homosexuelle zu sprechen –, sondern hat sich auch wiederholt für eine friedliche Lösung in Syrien ausgesprochen.

Indem er gestattet hat, dass das Treffen stattfindet – und es steht außer Zweifel, dass Putin ihm seinen Segen erteilt hat –, bemüht sich der russische Präsident um religiöse Absicherung und politische Popularität. Zugleich ermöglicht ihm das Treffen, den Westen zu provozieren, dem er wegen der im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine gegenüber Russland verhängten Sanktionen und wegen seiner Kritik an Putins Intervention in Syrien grollt.

Das Treffen auf Kuba abzuhalten, zeigt clevere Berechnung. Angesichts der Sanktionen gegenüber Russland kam Europa nicht in Frage. Doch Kuba, das die Sowjetunion im Austausch gegen Fidel Castros sklavische Loyalität in unverzichtbarer Weise finanziell unterstützt hatte, ruft Russlands Anspruch globaler Relevanz eindringlich in Erinnerung.

Die kubanische Führung hat dem Christentum nie so vollständig abgeschworen wie die Sowjets, und die Insel war während der vergangenen 20 Jahre Ziel dreier päpstlicher Besuche: von Johannes Paul II. (1998), von Benedikt XVI. (2012) und von Franziskus (2015). Raúl Castro, Fidels Bruder und Nachfolger, hatte den Patriarchen bereits zu einem Besuch eingeladen, damit er aus erster Hand erleben könne, dass Kommunismus und Christentum miteinander vereinbar sind.

Für Putin hätte das Treffen zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Aufgrund des Absturzes der Ölpreise, des dramatischen Verfalls des Rubels, der anhaltenden Sanktionen und der zunehmend blutigen Bilder aus Syrien ist er verzweifelt an positiven Nachrichten interessiert. Und was gibt da ein besseres Foto ab als der Stellvertreter Christi, wie er Seite an Seite neben einem von Putins engsten geistigen und politischen Verbündeten dasteht?

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Eine der ältesten Spaltungen der Christenheit zu heilen ist ein hehres Ziel. Doch wenn Franziskus Putins Patriarchen trifft, täte er gut daran, sich an ein altes Sprichwort zu erinnern: „Wer mit dem Teufel speist, braucht einen langen Löffel.“

Aus dem Englischen von Jan Doolan