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Päpste, Heilige und die Konkurrenz zwischen den Konfessionen

CAMBRIDGE, MASS.: Die Wahl des ersten Nichteuropäers zum Papst war lange überfällig. Schließlich beherbergt die Heimatregion von Papst Franziskus, Lateinamerika, gegenwärtig fast die Hälfte (44%) aller weltweiten Katholiken. Doch die katholische Kirche zieht dort wie anderswo zunehmend den Kürzeren gegenüber der protestantischen Konkurrenz.

Man muss sich nur die Statistik ansehen. Der Evangelikalismus ist die am schnellsten wachsende Weltreligion durch Konvertierung – ein Trend, der der starken Expansion des Protestantismus im traditionell römisch-katholischen Lateinamerika zugrundeliegt. Im Jahr 1900 waren nur 2,2% der lateinamerikanischen Bevölkerung Protestanten; 2010 waren es 16,4%. Dieses Wachstum geht überwiegend zu Kosten der Katholiken, deren Bevölkerungsanteil von 90,4% auf 82,3% zurückging.

Die katholische Kirche ist sich dieser Konkurrenz bewusst, aber sie hat mit einem chronischen Priestermangel zu kämpfen. Infolgedessen entwickelt sich die Ernennung neuer Heiliger zunehmend zu einer wichtigen Methode zur Bindung der Gläubigen.

Tatsächlich ist die Wahl eines lateinamerikanischen Papstes ein Echo einer bereits vorher erfolgten Trendwende bei der geografischen Verteilung neuer Heiliger. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts – und am deutlichsten seit der Amtszeit von Johannes Paul II. (1978-2005) – schwindet die traditionelle Dominanz Italiens und anderer europäischer Länder als Standorte gesegneter Personen. Dies spiegelt sich in den zwei Stufen auf dem Weg zum Heiligen wider: der Seligsprechung (die erste Stufe des Prozesses und gegenwärtig der Status von Johannes Paul II.) und der Heiligsprechung.