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Haben die Europäer wirklich Angst vor Migranten?

LONDON – Es wird erwartet, dass die ultrarechten Parteien bei der kommenden Wahl zum Europäischen Parlament deutliche Gewinne einfahren. Obwohl die Analysten uneins sind, ob diese populistische Welle eine Eintagsfliege ist, ob sie der Politik der Europäischen Union ernsthaft schaden wird, oder ob sie bei den nationalen Wahlen eine Wiederholung erfährt, stimmen sie meist in zumindest einer Sache überein: Die Unterstützung für solche Parteien beruht oft auf einer migrantenfeindlichen Einstellung. Der äußere Schein und allgemein anerkannte Wahrheiten können allerdings täuschen.

Populismus nimmt viele Formen an, und die Logik seines Erfolgs ist von Ort zu Ort verschieden. Aber ob in Großbritannien, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland, den Niederlanden oder Dänemark: Überall gibt es Themen, die sich wiederholen, nämlich wirtschaftliche Unzufriedenheit (die oft mit dem Euro verbunden wird), Ärger über das politische Establishment, die erneute Anziehungskraft des Nationalismus und negative Gefühle gegenüber der EU.

Wahr ist auch, dass in der EU-weiten populistischen Rhetorik die Migranten eine besondere Stellung haben. Aber daraus zu schließen, dass die reine Anwesenheit von Migranten in Europa die Unterstützung für Extremisten verstärkt, wäre ein gefährlicher Fehler. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Entfremdung der europäischen Wähler an der Abwesenheit effektiver Migrationspolitik liegt.

Immerhin fällt auf, dass die Ultrarechten in denjenigen EU-Ländern, die bei der Bewältigung von Migration und der Integration von Einwanderern am aktivsten waren, kaum vertreten sind. Mehr als die meisten anderen haben beispielsweise Deutschland, Spanien, Schweden und Portugal daran gearbeitet, legale Einwanderungsmöglichkeiten zu schaffen und in die Integration von Migranten zu investieren.