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Eltern oder Götter?

Die Geburt der Louise Brown im Jahr 1978 und damit die in vitro Befruchtung (IVF) eines Menschen bildet einen Meilenstein auf dem Weg der Medizin. Chirurgisch die Eizellen aus den Eierstöcken einer Frau zu entfernen, sie außerhalb ihres Körpers zu befruchten und danach den sich daraus bildenden Embryo wieder in ihren Uterus einzupflanzen, ermöglicht es nun, weibliche Unfruchtbarkeit, die sich aus der unheilbaren Verletzung der Eileiter ergibt, wirksam zu behandeln. Seither haben rasch auf einander folgende Neuerungen zu neuen Anwendungen der IVF und zu anderen künstlichen Fortpflanzungstechniken geführt.

Viele unfruchtbare Ehepaare wenden sich, wenn andere ,,weniger entwickelte" Möglichkeiten versagen, jetzt solchen fortgeschrittenen Techniken zu. Diese Techniken sind die geeignetsten Behandlungsmethoden nicht nur bei Schädigungen der Eileiter sondern auch bei wichtigen Arten männlicher Unfruchtbarkeit. Zum Beispiel ist die Injektion von Sperma in das Protoplasma ein Verfahren, bei dem eine einzelne lebende Spermie in eine Eizelle eingespritzt wird. Das erlaubt die Befruchtung selbst für den Fall, dass nur wenige gesunde Spermien vorhanden sind. Nicht zurückverpflanzte Embryonen einzufrieren, ist inzwischen allgemein üblich; das Einfrieren unbefruchteter Eizellen ist in der Entwicklung.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Es lässt sich wohl nicht vermeiden, - denn unser Zugriff auf menschliche Eizellen und Embryonen macht es uns möglich - die pränatale genetische Diagnose jetzt auch auf den noch nicht zurückverpflanzten Embryo auszuweiten. Die gebräuchliche pränatale Diagnose verlangt, fötale Zellen entweder dem Fruchtwasser (amniocentesis) oder dem Mutterkuchen zu entnehmen (chronic villus sampling, CVS). Beide Verfahren werden routinemäßig schwangeren Frauen im Alter von 35 Jahren und darüber angeboten, um Chromosomenanomalien wie das Down-Syndrom zu erkennen, oder sie auf die Blasenfibrose, die Sichelzellkrankheit, oder die Tay Sachs-Krankheit hin zu untersuchen.

Aber Fruchtwasseruntersuchung und CVS beinhalten in 0,5 bis 1 Prozent der Fälle das Risiko des Schwangerschaftsabbruchs. Auch wenn eine Abnormalität festgestellt wird, bleibt als einzige klinische Möglichkeit, den Schwangerschaftsabbruch einzuleiten. Die genetische Untersuchung bei Rückimplantation (PGD) unterscheidet sich grundsätzlich von ihrer pränatalen Entsprechung. Da hier die Diagnose erfolgt, bevor der Embryo wieder in den Uterus der Frau eingepflanzt wird, ist es möglich, bestimmte Abnormalitäten auszuschließen, ohne eine erfolgte, fortgeschrittene Schwangerschaft abbrechen zu müssen.

Offensichtlich sollte man Paaren mit einem übertragbaren, genetischen Defekt oder solchen, die aus anderen Gründen eine IVF wünschen, die Option einer PGD und im Bedarfsfall die Überführung an eine Anstalt, die dieses hochspezialisierte Verfahren ausführen kann, anbieten. Auch genetisch problematische Paare, die nicht an Unfruchtbarkeit leiden, können Kandidaten für eine IVF mit PGD sein. Sie könnten aus gutem Grund diese Möglichkeit der natürlichen Empfängnis vorziehen, die ja mit der Aussicht auf eine therapeutischer Abtreibung nach einer der üblichen pränatalen, genetischen Untersuchungen verbunden ist.

Beachten Sie nun einen moralisch komplizierteren Fall: Ein Ehepaar bekommt ein natürlich empfangenes Kind, das mit einer lebensgefährlichen Erbkrankheit befallen ist. Die einzige Heilbehandlung für diese Krankheit ist eine Knochenmarktransplantation von einem entsprechenden Spender. Verständlicher Weise dürfte das Paar nun eine PGD wünschen, um ähnliche Defekte bei künftigen Kindern auszuschließen. Aber sie wünschen sich auf der Suche nach Geschwistern, die als Knochenmarkspender für ihr erstes Kind in Frage kommen können auch einen Embryo mit einem bestimmten, entsprechenden Typ von Zellgewebe.

In einem solchen Fall wird ein Embryo ausgewählt, nicht nur um angeborene Erbkrankheit zu vermeiden, was unmittelbar dem daraus entstehenden Kind zugute kommt, sondern auch um ein Kind zu erzeugen, dessen bloßes Dasein zur Heilung eines seiner älteren Geschwister ohne eigentliches Risiko für das Spenderkind beitragen kann. Ethiker haben sich mit solchen Fällen auseinandergesetzt, und viele würden diese klinische Möglichkeit für ethisch unbedenklich halten. Doch was geschieht, wenn die älteren Geschwister eine gespendete Niere benötigen? Je mehr das Spenderkind bei solchen Vorhaben in körperliche Gefahr geraten würde, desto schwieriger wird die Entscheidung.

Die Auswahl des Geschlechts ist eine andere, heiß umstrittene Anwendung der PGD. Die Auswahl des Geschlechts lässt sich klinisch rechtfertigen, um die Übertragung einer geschlechtsgebundenen Krankheit, wie Hämophilie, auszuschließen. Unter solchen Umständen sollte der Rückgriff auf PGD nicht strittiger sein, als wenn es darum geht, vor einer Sichelzellen Krankheit zu schützen. Aber ist PGD ethisch vertretbar, wenn ein unfruchtbares Ehepaar nur einen Jungen oder ein Mädchen bevorzugt ? Wenn das der Fall ist, wäre sie dann nicht auch hinnehmbar, um die ,,Ausgewogenheit einer Familie" zu erzielen, dann nämlich, wenn ein fruchtbares Paar mit drei Jungen sich sehnlich ein Mädchen wünscht, oder wenn ein Ehepaar das Geschlecht seines erstgeborenen Kindes bestimmen möchte?

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Offensichtlich können ähnliche Fragen auf viele andere Entscheidungsfälle ausgeweitet werden, auf Fälle, die nicht unbedingt etwas mit der Gesundheit des Nachwuchses zu tun haben. Auf all diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten.

Das wesentliche Ziel der Medizin ist, Krankheiten zu erkennen und zu lindern. Unfruchtbarkeit ist eine solche Krankheit. Die Ausdehnung der pränatalen Diagnose auf Embryonen in einem Labornährboden wird andererseits das Auftreten bestimmter genetisch übertragener Krankheiten vermindern. Aber neue medizinische Verfahren bieten auch Anwendungsmöglichkeiten an, die über diese üblichen medizinischen Grundsätze hinausreichen. Wie in jedem anderen Fall sollten die raschen Fortschritte in Wissenschaft und Technologie von sorgfältigen und nachdenklichen Überlegung über die entsprechenden Anwendungen der neu erkannten Möglichkeiten begleitet und in Schranken gehalten werden.