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Palästinensische Flüchtlinge und deutsche Vertriebene

Die Atmosphäre hätte nicht friedlicher sein können: Ein ehemaliges königliches Schloss in den sanften Hügeln des Taunus gelegen, in dem Staatsmänner und Politiker zu einem jährlich stattfindenden Treffen über den Nahen Osten zusammenkamen. Europäer und Amerikaner, Israelis und Iraner, Ägypten und Türken, Palästinenser und Tunesier nah beieinander. Neu war in diesem Jahr die Anwesenheit von Repräsentanten aus dem Irak nach Saddam, unter ihnen ein Beamter der kurdischen Regionalregierung sowie ein hochrangiger Vertreter der Schiiten.

Im Mittelpunkt des Interesses standen die Situation im Irak und die ``Road Map'' für den Nahen Osten. In einer Eröffnungsrede am ersten Abend sprach ein hochrangiger Minister der deutschen Regierung, selbst eingehend mit der Nahostpolitik beschäftigt, beide Themen an und bewies dabei großes Einfühlungsvermögen sowohl für israelische als auch palästinensische Belange. Der Abend verlief wie erwartet entlang beruhigender Bahnen, bis ein libanesischer Akademiker die Sprache auf das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge nach Israel brachte.

Der hochrangige deutsche Minister hörte aufmerksam zu und entgegnete dann: ``Dieses Thema ist uns hier in Deutschland vertraut; darf ich meine deutschen Kollegen im Publikum bitten, die Hand zu heben, wenn sie oder ihre Familien Flüchtlinge aus Osteuropa waren?''

Es gab einen Moment des Schweigens. Dieses Thema ist in Deutschland peinlich, ein politisches und moralisches Minenfeld. Die Hände wurden langsam erhoben: Ich zählte, dass mehr als die Hälfte der anwesenden Deutschen (Regierungsvertreter, Journalisten, Unternehmer) ihre Hand hoben: Sie oder ihre Familien waren Vertriebene gewesen nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Heimat ihrer Vorfahren in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien. Schätzungen zufolge gab es bis zu zehn Millionen Vertriebene, rechnet man ihre Nachkommen mit dazu, sind es heutzutage beinahe doppelt so viele fast einer von vier Deutschen.