Supreme Court protests Olivier Douliery/Stringer

Der Umgang mit beschädigender institutioneller Trägheit

LONDON – Tief verwurzelte, glaubwürdige, rechenschaftspflichtige und effektive Institutionen wurden lange Zeit als entscheidend für nachhaltiges Wohlergehen und dauerhaften Wohlstand einer Gesellschaft betrachtet. Sie schützen Länder vor häufiger und verunsichernder Volatilität, sei es in wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Hinsicht, und sie senken das Risiko kostspieliger Schocks. Heutzutage allerdings stehen bedeutende politische und wirtschaftliche Institutionen unter dem Druck einer ungewöhnlichen Fluidität ihrer Arbeitsumfelder und der Auswirkungen eines kumulativen Vertrauensverlustes auf Seiten der Wähler.

The Year Ahead 2018

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Die Folgen sind unterschiedlich, wobei die Wahrscheinlichkeit der Anpassung, darunter auch durch einen relativ geordneten Prozess der Zerstörung und des Wiederaufbaus, für private Institutionen höher ist, als für jene des öffentlichen Bereichs. Bei Letzteren ist eine Intensivierung der Reformbestrebungen erforderlich, damit sie nicht zu einem weiteren Hindernis für die Weltwirtschaft werden, ein dauerhaft hohes und inklusives Wachstum zu erreichen.

Wie ein wohldurchdachtes und gut funktionierendes Straßensystem fördern starke Institutionen die Volkswirtschaften, indem sie für ein stabiles Arbeitsumfeld, reibungslosere Übergangsmechanismen, weniger kostspielige und weniger risikoreiche wirtschaftliche Interaktionen, glaubwürdige Eigentumsrechte und den Respekt vor der Rechtsstaatlichkeit sorgen. Die Institutionen agieren nicht nur als ermöglichende Instanzen einer breiten Palette an allseitig vorteilhaften Beziehungen, sondern auch als vertrauenswürdige Wächter. Dementsprechend wurden derartige Institutionen auch jahrzehntelang als das Hauptmerkmal gesehen, das fortgeschrittene Ökonomien von Entwicklungsländern unterscheidet, die immer noch einer viel größeren Bandbreite an schädlichen zyklischen und strukturellen Schocks unterliegen.

In den letzten Jahren allerdings wurde diese Charakterisierung infrage gestellt, da die Geltung privater und öffentlicher Institutionen, die über beträchtlichen systemischen Einfluss verfügen, schwand.

Für eine wachsende Zahl an Privatunternehmen kommt der Druck hauptsächlich von technologischer Seite, insbesondere von jenen Fortschritten, die durch eine zunehmend leistungsfähige Kombination aus künstlicher Intelligenz, Big Data und Mobilität untermauert werden. Als besonders schwerwiegend, wenn nicht gar fatal, erwies sich diese Herausforderung für Firmen, die mit der massiven Konkurrenz durch Mitbewerber kämpfen, die in der Lage sind, revolutionäre Inhalte und große Plattformen zu kombinieren – die bemerkenswertesten Beispiele dafür sind Amazon, Facebook, Google, Netflix und Uber. Wie an dem gestiegenen Interesse an der Regulierung dieser Unternehmen und an der zunehmenden Aufmerksamkeit der Medien für verschiedene Kontroversen zu sehen (wie an jenen im Zusammenhang mit „Fake News“ und internen Unternehmenskulturen), müssen sich diese Firmen, angesichts ihres zunehmenden systemischen Einflusses und ihrer Geltung, anpassen und wendig bleiben.

Noch schwieriger ist der Anpassungsprozess für öffentliche Institutionen, insbesondere in Anbetracht ihrer weitreichenden Aufgaben als Wächter, ermöglichende Instanzen und Regulierungsbehörden. Sie verkörpern vielfach die Eigenschaften „natürlicher Monopole“ und sind deshalb nicht nur von Störungen abgeschirmt, sondern können auch vorteilhafte Innovationen unterdrücken und verzögern. Interne Trägheit in Kombination mit unvollständigen Informationen, Risikovermeidung sowie bewussten und unbewussten Voreingenommenheiten verhindern, dass die Dringlichkeit und Bedeutung einer Anpassung erkannt wird. Sogar weniger schwerwiegende Mängel – wie die langsame Modernisierung von Gesetzen, um mit den sich verändernden Realitäten Schritt zu halten - beeinträchtigen das wirtschaftliche Wohlergehen.

Das sichtbare und anhaltende Versagen der Bildungssysteme, spannende und bahnbrechende technologische Fortschritte zu übernehmen, ist ein bekanntes Beispiel für diese Trägheit. Weniger offenkundig ist die zeitliche Verzögerung der wirtschaftlichen Institutionen, wenn es darum geht, ihre politischen Ansätze zu aktualisieren, wie etwa durch eine raschere Einbindung bedeutender Erkenntnisse und Instrumente aus Verhaltensforschung, künstlicher Intelligenz, der Neurowissenschaft und anderen Disziplinen. Und zudem haben wir es noch mit anhaltenden Versäumnissen bei Programmen für den Qualifikationserwerb zu tun.

Infolgedessen kam es zu einem beträchtlichen Vertrauensschwund hinsichtlich der Effektivität öffentlicher Institutionen. Und durch die Beschädigung ihrer Glaubwürdigkeit besteht die Gefahr, dass ihre Effektivität weiter untergraben wird, wodurch aufgrund ihres Versagens, für hohes und inklusives Wachstum zu sorgen, ein Teufelskreis in Gang kommt.  

Unser Verständnis, wie sich öffentliche Institutionen anpassen und reformieren sollen, befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Eine Komplettlösung harrt noch ihrer Ausarbeitung, aber ein paar Imperative sind bereits klar.

·         Der Schaden ist zu begrenzen, auch indem man dem natürlichen Streben widersteht, etablierten, aber zunehmend ineffektiven Ansätzen, Einrichtungen und Denkarten das Wort zu reden.

·         Weit größere Offenheit für die Lehren, die aus externen Diskontinuitäten zu ziehen sind und Bereitschaft, die Grundlagen von Prozessen und ganzen Geschäftsmodellen zu hinterfragen.

·         Verbesserung öffentlich-privater Interaktionen, nicht nur im Hinblick auf den unmittelbaren Inhalt, sondern auch als Methode, das Ausmaß eines gedeihlicheren Austausches hinsichtlich optimaler Vorgehensweisen zu vergrößern. 

·         Verbesserung der Methoden im Bereich öffentlicher Kommunikation, damit nicht fortgesetztes Informationsversagen, in die Jahre kommende Informationskanäle und der kumulative Vertrauensschwund operative Mängel noch verschärfen.

Bislang hinken zu viele grundsätzlich einflussreiche Institutionen der Ermittlung des Reformbedarfs und der Umsetzung von Reformen hinterher. Das führte zu einer Verstärkung der Enttäuschung, der Entfremdung und eines Gefühls, das von Teilen der Bevölkerung als Marginalisierung durch ihre Regierungen wahrgenommen wird, die der tief verwurzelten Angst der Menschen vor wirtschaftlicher Unsicherheit kein Gehör schenken oder nicht darauf reagieren. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sich über die Jahre aufgebaut hat, nicht über Nacht beseitigt werden kann und zunehmend soziale und politische Brüche schürt.

Institutionen sind vor allem in einer Zeit wirtschaftlicher, politischer und sozialer Fluidität von Bedeutung. Je länger es dauert, das Vertrauen in wichtige öffentliche und – in geringerem Ausmaß – in private Institutionen wiederherzustellen, desto schwerwiegender die Beeinträchtigungen für unser Wohlergehen und das unserer Kinder. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/ciLTHJ1/de;

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