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Der Tod der OPEC

IRVING, TEXAS – Die Organisation Erdöl exportierender Länder ist tot. Saudi Arabien hat sie umgebracht. Nun ist die OPEC ein zahnloser Zombie, der zwar Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber keinerlei Einfluss auf die Lebenden hat.

Nur wenige haben vom Ableben der OPEC Notiz genommen und dies aus einem einfachen Grund: die Organisationen verfügte niemals über jenen Einfluss, den man ihr weithin beimaß. Bei ihr handelte es sich nie um ein Kartell mit monopolitischer Marktmacht. Wer etwas anderes dachte, schrieb ihr fälschlicherweise Saudi Arabiens Marktmacht zu.

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Und Saudi Arabiens Macht ist umfassend. Das Land bleibt weiterhin der vorherrschende Produzent auf den weltweiten Ölmärkten und seine politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen prägen die weltweite Energiewirtschaft. Dieser Einfluss wird sich noch intensivieren, wenn das Königreich die Rohölmarke Arab Light als globale Benchmark reaktiviert.

Natürlich ist es denkbar, dass neue Akteure im Bereich der Energieproduktion Saudi Arabien einen Schlag versetzen. Bislang allerdings ist es dem Königreich gelungen, schwere  Verletzungen zu vermeiden.

Die Schiefer-Energierevolution in den Vereinigten Staaten beispielsweise hatte weitreichende internationale Auswirkungen – weit größere als erwartet. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert kam es im Atlantischen Becken zu einem Ölüberschuss – es wurde mehr produziert als verbraucht – während das pazifische Becken zur einzigen Region wurde, wo man Rohöl absetzen konnte. Aufgrund des Wachstums der amerikanischen Schieferölproduktion verloren die OPEC-Mitglieder Algerien, Angola und Nigeria erhebliche Marktanteile in den USA. 

Doch aufgrund der Qualität des Rohöls hatte diese Revolution wenig Auswirkungen auf Saudi Arabien, den Irak oder Kuweit. Algerien, Angola und Nigeria exportierten nämlich eine mit Schieferöl vergleichbare Art leichten süßen Rohöls in die USA. Allerdings sind zahlreiche US-Raffinerien nach wie vor auf die schwereren und saureren Rohöl-Sorten ausgerichtet, die das Land aus dem Nahen und Mittleren Osten importiert. Infolgedessen scheint Saudi Arabiens Marktanteil in den USA relativ gesichert.

Das soll allerdings nicht heißen, dass Saudi Arabien unbezwingbar ist. Im Gegenteil: das Land verlor Marktanteile unter den größten Öleinfuhrländern in Asien, die verstärkt (in den USA nicht mehr nachgefragtes) Rohöl aus Westafrika beziehen. Der vielleicht schmerzlichste Verlust für das Königreich sind die Marktanteile, die man in China an Russland verlor.

Russlands Vordringen auf den chinesischen Markt erfolgte aufgrund der Sanktionen des Westens nach der russischen Invasion in der Ukraine und der Annexion der Krim im Jahr 2014. China nutzte die Verzweiflung des Kremls in vollem Umfang aus und sicherte sich Tiefstpreise für russische Energieressourcen. Als das Tor nach Asien jedoch geöffnet war, ergriff Russland die Gelegenheit, auch in die nachgelagerten Märkte Indien und Indonesien vorzustoßen – zwei Länder, denen im Rahmen der saudischen Strategie ebenfalls entscheidende Bedeutung zukommt. 

In den letzten zwei Jahren stellte Saudi Arabien mit Nachdruck klar, dass man seine Marktanteile nicht so einfach abgeben werde – und zwar an niemanden. Man verfolgte eine Kampagne zur Wiederherstellung seiner früheren Marktposition, nicht nur im Bereich Rohöl, sondern auch in den Bereichen Erdölprodukte, Flüssiggas und Petrochemie. Zu diesem Zweck führte man einen durch Produktionssteigerung unterstützten Preiskrieg, der auf die Verdrängung schwächerer Konkurrenten abzielte.

Zunächst nahm Saudi Arabien die Schieferöl- und Schiefergasindustrie ins Visier. Doch im Lauf der Zeit entwickelte man die Strategie zur Behauptung der Vorherrschaft auf den globalen Energiemärkten weiter und passte sie neuen ökonomischen Daten und politischen Umständen an. Schließlich zog Saudi Arabien die gesamte OPEC in den Preiskampf hinein. Die Länder steigerten ihre Produktion so lange dies möglich war und bewirkten damit einen natürlichen Preisverfall. Als die Produktion ihren Höhepunkt erreichte, fiel die schwächere Konkurrenz aus dem Markt, da die OPEC-Mitglieder gezwungen waren, den Preiskampf gegeneinander auszutragen. 

Die ständigen internen Zerwürfnisse, die diese Entwicklungen mit sich brachten, wurden bei der OPEC-Konferenz im April dieses Jahres in Doha schmerzlich sichtbar, wo man an einem Abkommen über das Einfrieren der Produktion scheiterte. Saudi Arabien weigerte sich, seine Produktion  zu drosseln, es sei denn der Iran würde nachziehen. Doch der Iran – der ebenso wie Russland aufgrund der Sanktionen des Westens erhebliche Marktanteile verloren hatte – weigerte sich rundheraus, seine Produktion einzuschränken. Und auch die Produzenten, die Marktanteile in den USA einbüßten, werden ihre Produktion nicht zurücknehmen.

Mittlerweile erkennt Saudi Arabien, dass der niedrige Ölpreis seine verlorenen Marktanteile in Asien und Europa nicht vollständig zurückbringen wird. Aber das Land sieht auch, dass es für die OPEC keine Verwendung mehr hat - für eine Organisation, die der Welt 1973 das erste arabische Ölembargo bescherte und die man seit damals als Schutzschild für seine Ölpolitik einsetzte. Da die Schiefer-Energierevolution in den USA die OPEC nutzlos werden ließ, entschied Saudi Arabien, dass es sich nicht lohnt, seine Schöpfung am Leben zu erhalten. 

Das heißt allerdings nicht, dass keine Hoffnung für eine Zusammenarbeit im Energiebereich besteht. Saudi Arabien verfolgt nun einen umfassenden Kurswechsel in seiner Außen-, Wirtschafts- und Energiepolitik, der in der bevorstehenden Teilprivatisierung des staatlichen Erdölunternehmens Aramco sichtbar wird, wo man die Raffinerie-Kapazitäten  ausweiten will.

All das deutet auf eine Verlagerung des Wettbewerbs auf den Energiemärkten von Rohöl zu Raffinerieprodukten hin. Das würde neue Chancen für Zusammenarbeit schaffen: Hersteller mit großen Raffinierungs- und Lagerungskapazitäten könnten überschüssiges Öl von Produzenten aufkaufen, die nicht über diese Möglichkeiten verfügen.

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Eine derartige Wettbewerbsverlagerung von Rohöl in Richtung Erdölprodukte hätte auch grundlegende Auswirkungen auf die weltweiten Ölmärkte und damit verbundene Branchen wie den Schiffstransport. Letztlich würde sie wohl die allgemeine Effizienz der Ölmärkte steigern und den Produzenten helfen, sich besser gegen die Marktvolatilität zu wappnen.  Die Produzenten und Raffinierungsunternehmen mit den modernsten Technologien würden dabei die Oberhand behalten – angefangen mit Saudi Arabien.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier