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Technologien und die Angst um den Arbeitsplatz

SAN FRANCISCO – In der heutigen Zeit geht die Angst um, dass Arbeitsplätze der Automatisierung zum Opfer fallen und düstere Schlagzeilen warnen, dass der zunehmende Einsatz von Robotern ganze Berufsgruppen überflüssig machen wird. Doch dieser Fatalismus geht davon aus, dass es nicht in unserer Macht liegt, das, was wir erschaffen, zu nutzen, um unser Leben – und sogar unsere Arbeitsplätze – zu verbessern.

In internetbasierten Jobbörsen finden sich Beweise, dass Technologien über das Potenzial verfügen, Bedenken im Hinblick auf unsere Arbeitsplätze auszuräumen. Digitale Plattformen haben bereits viele Bereiche der Wirtschaft verändert. So haben etwa die von Amazon und Alibaba aufgebauten Online-Marktplätze die Einzelhandelslandschaft umgestaltet, teilweise indem sie den lokalen Charakter des Einzelhandels transformiert haben.

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Online-Jobbörsen wenden ein ähnliches Konzept auf die Arbeitswelt an – mit ähnlichen Auswirkungen. Durch die Schaffung regionaler, nationaler und sogar globaler Arbeitsmärkte ermöglichen sie Arbeitgebern, aus einem größeren Reservoir an Arbeitskräften zu schöpfen und verbinden Arbeitsuchende mit einem umfassenderen Spektrum an Möglichkeiten. Auf diese Weise haben sie die typische Stellensuche verändert und nähern sich nunmehr der kritischen Masse, die erforderlich ist, um Bewegung in die Beschäftigungszahlen zu bringen.

Derartige Plattformen existieren in unterschiedlicher Form. Webseiten wie LinkedIn, Monster.com und Indeed.com – auf denen Einzelne mit Arbeitgebern zusammengebracht werden, die traditionelle Arbeitsplätze besetzen möchten – verzeichnen inzwischen Hunderte von Millionen einzelne Nutzer und werden von vielen weltweit führenden Unternehmen genutzt. Der Großteil der wirtschaftlichen Auswirkungen ist auf Plattformen wie diese zurückzuführen. Es gibt aber auch die digitalen Marktplätze der „Gig-Economy“, auf denen Kurzzeit-Aufträge an Freiberufler vermittelt werden, angefangen bei Webentwicklung bis zum Chauffieren von Fahrgästen, und die so zu einer höheren Auslastung von Arbeitskräften und vermehrten Nutzung von brachliegendem Kapital beitragen.  

Digitale Plattformen machen Märkte transparenter und effizienter und das ist genau die Art von umwälzender Dynamik, die die Arbeitsmärkte von heute brauchen. In vielen Ländern sind 30-35% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter arbeitslos, nicht erwerbstätig oder arbeiten lediglich Teilzeit. Unternehmen beklagen unterdessen, dass sie offene Stellen in Sektoren, die von Technologie bis zum Gesundheitswesen reichen, nicht besetzen können. Und diejenigen, die in einem Erwerbsverhältnis stehen, stecken oftmals in einer Position fest, in der ihre Fähigkeiten nicht in vollem Umfang genutzt werden. Diese Probleme stellen eine gigantische Verschwendung an menschlichem und wirtschaftlichem Potenzial dar.

Diese Schwierigkeiten sind auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Arbeitsmärkte von heute unausgegorene, unvollständige und geografisch begrenzte Signale liefern, welche Kompetenzen tatsachlich gefragt sind. Die Planung eines Bildungs-, Ausbildungs- und Karriereweges ist demzufolge mit einigem Rätselraten verbunden. Das schadet nicht nur den Arbeitnehmern; es bedeutet auch, dass die Anforderungen von Unternehmen möglicherweise unerfüllt bleiben.

Online-Jobbörsen können die Effizienz des Arbeitsmarktes steigern, indem sie Daten über Bewerber und Stellenangebote in einem größeren geografischen Gebiet sammeln und Arbeitnehmern veranschaulichen, welche Stellenangebote aktuell vorhanden sind, und welche Maßnahmen sie ergreifen können, um eine erfüllendere Tätigkeit zu finden. Diese Dynamik könnte vor allem in Europa von Bedeutung sein, wo die Beschäftigungsaussichten von Land zu Land (und in Regionen innerhalb von Ländern) völlig verschieden sind und viele sich in einer stagnierenden lokalen Wirtschaft gefangen fühlen. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand von Spanien nach Swasiland ziehen wird, nicht einmal für einen Traumjob; aber diese Person könnte durchaus eine bessere Stelle annehmen, die ein paar hundert Kilometer entfernt ist.

Zudem ermöglichen Jobplattformen schnelleres Matching, also eine Zuordnung von Arbeitsplatzanforderungen und Kompetenzen, und verkürzen so die Dauer der Arbeitslosigkeit, während die Schaffung flexibler Teilzeitangebote mehr nicht erwerbstätigen Arbeitskräften Zugang zum Erwerbsleben ermöglichen und Teilzeitkräften helfen kann, ihre Stundenzahl aufzustocken. Gleichzeitig können solche Plattformen die Produktivität steigern, indem der Kontakt zwischen dem geeigneten Bewerber und einer passenden offenen Stelle hergestellt wird.

Kurz gesagt können Online-Jobplattformen zwar nicht die schwache Nachfrage in Industrieländern ankurbeln, komplexe Entwicklungsprobleme in den Schwellenländern lösen oder flächendeckend bessere Arbeitsplätze schaffen, aber sie können scheinbar unlösbare Probleme wie Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und geringe Arbeitszufriedenheit in erheblichem Maße beeinflussen. Einer aktuellen Studie des McKinsey Global Institute zufolge könnten sie das globale BIP bis 2025 um 2,7 Billionen US-Dollar jährlich steigen lassen; das wäre so, als würde der Weltwirtschaft ein weiteres Vereinigtes Königreich hinzugefügt.

Der Einfluss von internetbasierten Jobplattformen ist zum großen Teil auf den Einsatz von Technologien zurückzuführen, die Informationsasymmetrien überbrücken, die die Entwicklung des Arbeitsmarktes beeinträchtigen. In der Vergangenheit wurden diese Lücken nur teilweise durch Signale überbrückt, die nützliche Informationen enthalten. Doch internetbasierte Jobplattformen sammeln effizient viel größere Mengen an Informationen und erhöhen die „Signaldichte“.

Wenn umfassendere Daten vorliegen, können Unternehmen vorausschauende Analysen nutzen, um den besten Kandidaten für eine bestimmte Stelle zu ermitteln. Arbeitsuchende können ihre Bildungsnachweise und ihren beruflichen Werdegang um Arbeitsproben und Empfehlungen von Kollegen und Kunden ergänzen und auf diese Weise wirksamer vermitteln, welchen potenziellen Wert sie für Arbeitgeber besitzen.

Überdies können sich Arbeitsuchende auf Plattformen, die anonyme Erfahrungsberichte von ehemaligen und derzeitigen Mitarbeitern sammeln, eine bessere Vorstellung von der Arbeit für ein bestimmtes Unternehmen machen, sowie herausfinden, welches Gehalt sie erwarten können und sollten. Da die Zufriedenheit der Mitarbeiter zunehmend öffentlich wird, stehen Unternehmen unter Druck, gute Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, um die fähigen Köpfe, die sie brauchen, für sich zu gewinnen.

Bislang haben ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in den Industrieländern am meisten von diesem Wandel profitiert. Tatsächlich haben es besonders begehrte Ingenieure und Softwareentwickler unter Umständen gar nicht nötig, sich um Arbeitsplätze zu bewerben; inzwischen rekrutieren Unternehmen zunehmend „passive“ Kandidaten, was Arbeitgeber mitunter zwingt, das Gehalt von Mitarbeitern zu erhöhen, die sie halten wollen.

Doch es gibt nicht nur gute Neuigkeiten. Nun, da Arbeitgebern neue Instrumente für die Werbung und Beurteilung neuer Mitarbeiter zur Verfügung stehen, könnte es einfacher für sie sein, Geringqualifizierte zu ersetzen, was das Einkommensgefälle auf kurze Sicht potenziell verschärfen könnte. Längerfristig könnte jedoch insgesamt ein besseres System zur Erweiterung der Qualifikationen konzipiert werden – eines, das wesentlich dazu beiträgt Aufstiegsmobilität zu fördern.

Diesbezüglich gibt es einen weiteren Vorteil. Da zunehmend transparent wird, welche Karriereaussichten mit konkreten Einrichtungen und Studiengängen verbunden sind, werden Bildungs- und Berufsbildungsanbieter stärker in die Verantwortung für die Vorbereitung ihrer Schüler und Studenten auf ein erfolgreiches und produktives Leben genommen werden können.

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Bis 2025 wird mit weltweit acht Milliarden Smartphone-Verträgen gerechnet und somit eröffnet sich internetbasierten Jobplattformen enormer Spielraum für eine Expansion in neue Regionen und Branchen. Die fortwährende Weiterentwicklung dieser Technologien kann die Arbeitswelt auf eine Weise verändern, die für uns heute noch unvorstellbar ist. Am Ende scheint es auf dem Arbeitsmarkt doch Anlass für ein wenig Optimismus zu geben.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.