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Die Folgen des Ölschocks

CAMBRIDGE – Der globale Ölmarkt ist ein volatiler Ort. Aber wenn man einmal von den kurzzeitigen Preisänderungen absieht, sind die weltweiten Durchschnittspreise für Öl (in US-Dollar gerechnet) zwischen 2012 und 2016 um etwa 60% gefallen. Wie gehen Länder wie Russland, Saudi-Arabien, Irak und Venezuela mit dem Zusammenbruch des Preises ihres wichtigsten (und in manchen Fällen einzigen) Exportartikels um?

Eine Antwort aus dem Lehrbuch wäre, dass die Regierung dauerhafte (oder sehr beständige) Rückgänge bei den Export- und Haushaltseinkünften dadurch ausgleicht, dass sie die öffentlichen Ausgaben anpasst. Und wenn der Schock nur kurzfristig ist, kann die Lösung in einer externen und fiskalen Defizitfinanzierung liegen.

Die Tabelle unten verdeutlicht die dramatischen wirtschaftlichen Folgen, die der Preiseinbruch für die Ölproduzenten hat. Für 18 dieser Länder wird die Summe der Überschüsse und Defizite im Regierungshaushalt mit der externen Leistungsbilanz verglichen – skaliert anhand des nominalen BIP. In den meisten Fällen waren 2011, vor dem Höhepunkt der Ölpreise, noch Zwillingsüberschüsse vorhanden, die sich bis 2016 in deutlich ausgeprägte Zwillingsdefizite verwandelten. Eine Veränderung in Höhe von 30 Prozentpunkten des BIP (oder mehr) ist in dieser Gruppe nicht ungewöhnlich.

current account fiscal balance

Dass die Zwillingsdefizite oft so hoch sind, ist ein Anzeichen dafür, dass einige Ländern trotz erheblicher Anpassungsbemühungen einen Großteil der Export- und Haushaltseinbußen durch neue in- und ausländische Schulden kompensiert haben. Und im hyperinflationären Venezuela bestand die bevorzugte Methode der Staatsfinanzierung darin, Geld zu drucken.

Einige Länder, darunter vor allem Saudi-Arabien, das sich im Oktober 2016 höher im Ausland verschuldet hat als alle anderen Schwellenländer, begannen mit einer sauberen Bilanz – schuldenfrei und mit hohen Vermögenswerten. Aber trotz derart vorteilhafter Ausgangsbedingungen hatten die erheblichen Zwillingsdefizite und ihre Finanzierung durch Reserven und Dollarschulden zur Folge, dass die Kreditwürdigkeit des Landes abgewertet wurde, wie noch letzte Woche durch die Agentur Fitch. Natürlich führt nicht jede solche Abwertung direkt in den Bankrott, aber die Tendenz ist nicht ermutigend, gerade weil der Verfall so schnell geht.

Kann dieser Trend durch eine Erholung der Ölpreise umgekehrt werden?

Zyklen bei den Preisen für Öl und andere Rohstoffe können bekanntermaßen nur sehr schwer vorhergesagt werden. Einige Bullen auf dem Ölmarkt weisen auf eine Erholung der weltweiten Nachfrage hin. Dabei wird mit den vergleichsweise geringen Ölvorräten in Europa, Japan und anderswo argumentiert, ebenso wie dem jüngsten Anstieg der Verkäufe benzinschluckender Geländewagen und Pick-Ups in Nordamerika.

Aber diese bullische Sichtweise ist umstritten. Zu den Gründen, die von den Prognostikern dauerhaft niedriger Preise angeführt werden, gehören einige der üblichen Verdächtigen: Ein altes (und meist stichhaltiges) Argument ist die Unfähigkeit der Saudis, dafür zu sorgen, dass einige ärmere OPEC-Mitglieder, die dringend auf ausländische Währungseinkünfte angewiesen sind, ihre Produktion drosseln. Und was die saudischen Bemühungen zur Preisstabilisierung noch verkompliziert, ist die vergleichsweise neue Herausforderung durch die schnell wachsende US-Ölförderung.

In der Tat lassen die jüngsten Daten darauf schließen, dass der jüngste Rückgang der Preise für WTI-Rohöl die Zunahme der US-Rohölbohrungen (gemessen am Crude Oil Rotary Rig Count, der in der Woche zum 24. März stark anstieg) nicht bremsen konnte. Momentan liegt der Rig Count auf seinem höchsten Niveau seit September 2015. Die Kürzungen der OPEC und anderer Produzenten wurde durch die höhere US-Produktion ausgeglichen, und die Ölvorräte in den USA haben in den letzten fünf Wochen neue Höchststände erreicht.

Wenn man nach den Handlungen der Regierungen einiger ölproduzierender Länder geht, scheinen sie darauf zu wetten, dass der Ölpreisrutsch entweder vorbei ist oder bald endet. Die Golfstaaten werden wahrscheinlich Staatsschulden in Rekordhöhe aufnehmen. Laut einem aktuellen Bericht der Bank of America/Merrill Lynch wird erwartet, dass diese Länder 2017 den größten Teil der weltweiten Staatsanleihen ausgeben. Davon fallen 37% allein auf Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und Argentinien. Dabei hat Kuwait, wie in der Vergangenheit auch Saudi-Arabien, bis jetzt keinerlei Auslandsschulden.

Erholen sich die Ölpreise allerdings nicht, könnte diese massenhafte Neuverschuldung auch nach hinten losgehen. Darüber hinaus gehen Länder, deren Wechselkurs an den US-Dollar gekoppelt ist, bei der Ausgabe von in Dollar ausgewiesenen Schulden das zusätzliche Risiko der Währungsabwertung ein.

Die Entwicklung der Ölpreise ist unsicher, und das Schicksal der Länder, die wirtschaftliche Schocks als vorübergehend und umkehrbar betrachtet haben und dabei falsch lagen, war in der Vergangenheit selten ermutigend. Dass die neuen Staatsanleihen aus Ländern mit hohen und ungelösten Zwillingsdefiziten von den internationalen Finanzmärkten so gut aufgenommen werden, spiegelt wider, wie sehr die Anleger in einer Zeit extrem niedriger Zinsen auf der Suche nach jeglicher Art von Rendite sind. Die Politiker der Schuldnerländer sollten die Nachfrage nach ihren Anleihen keinesfalls als Zeichen des Vertrauens in ihre Politik oder Wirtschaft interpretieren.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff