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Geschichte per Dekret

NEW YORK – Song Gengyi, eine Journalistikdozentin aus Shanghai, wurde letzten Monat entlassen, weil sie ihre Arbeit gemacht hat. Sie hatte ihre Studenten aufgefordert, die offiziellen Darstellungen des Massakers von Nanjing im Jahr 1937 als Vergewaltigungs- und Tötungsorgie der kaiserlichen japanischen Armee in der damaligen Hauptstadt Chinas zu überprüfen. Und die Lehrerin Li Tiantian, die gegen die Kündigung protestiert hatte, wurde zur Strafe in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Journalisten müssen Fakten überprüfen. Aber weil die Gräueltaten in Nanjing während des Krieges zwischen China und Japan zu einem Grundpfeiler des chinesischen Nationalismus und damit der Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas geworden sind, gilt jede kritische Untersuchung dieser Ereignisse als Kritik an der chinesischen Regierung.

Das bedarf vielleicht einer Erklärung. Bis zum Tod von Mao Zedong im Jahr 1967 wurde das Massaker von Nanjing in der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung kaum erwähnt. Unter Mao handelte die Geschichte vom heroischen Sieg des Kommunismus im Kampf gegen faschistische und bürgerliche Unterdrücker. Nanjing war während des chinesisch-japanischen Krieges die Hauptstadt der chinesischen Nationalisten. Das Massaker war zwar eine Niederlage der Nationalisten, aber ohne heroische Kommunisten.

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