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Occupy-Bewegung im Vorlesungssaal?

CAMBRIDGE – Anfang letzten Monats wurde an der Harvard-Universität der stets gut besuchte Einführungskurs in die Wirtschaftswissenschaften meines Kollegen Greg Mankiw, Economics 10, bestreikt. Kritikpunkt der Studierenden: der Kurs verbreite konservative Ideologien unter dem Deckmantel der Wirtschaftswissenschaften undtrage dazu bei, die soziale Ungleichheit zu vertiefen.

Die Studierenden sind Teil eines wachsenden Protests gegen die moderne Ökonomie, wie sie in den führenden akademischen Institutionen der Welt gelehrt wird. Die Ökonomie hatte natürlich immer ihre Kritiker, aber die Finanzkrise und ihre Folgen haben ihnen neue Munition gegeben und scheinen die alten Vorwürfe gegen unrealistische Annahmen, die Verdinglichung der Märkte und die Missachtung sozialer Belange zu bestätigen.

Mankiw seinerseits war der Meinung, die Studierenden seien „schlecht informiert“ gewesen. Es gebe keine Ideologie bei den Wirtschaftswissenschaften, entgegnete er ihnen. Er zitierte John Maynard Keynes, der darauf hinwies, dass die Ökonomie eine Methode sei, die den Menschen helfe, klar zu denken und die richtigen Antworten zu finden, ohne dass es vorher bereits fest stehende Schlussfolgerungen gebe.

Natürlich ist ein gesunder Skeptizismus verzeihlich, aber wenn man nicht seit Jahren in das fortgeschrittene Studium der Ökonomie eingetaucht ist, können die verschiedenen Ansätze für politische Maßnahmen in einem typischen Aufbaustudium der Wirtschaftswissenschaften je nach Kontext außerordentlich verwirrend sein. Einige der Grundannahmen, die Ökonomen zur Analyse der Welt verwenden, favorisieren die freien Märkte, andere nicht. Ein großer Teil der Forschung widmet sich sogar dem Versuch, zu verstehen, wie staatliche Intervention die Wirtschaftsleistung verbessern kann. Und die Erforschung nicht wirtschaftlicher Motive sowie das Verhalten sozialer Kooperativen werden immer mehr fester Bestandteil der ökonomischen Forschungsarbeit.