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Lehren aus Libyen

MELBOURNE – Aus den Fehlschlägen im Rahmen der von der NATO angeführten Militärintervention in Libyen im Jahr 2011 sind einige wichtige Lehren zu ziehen. Damit hatte US-Präsident Barack Obama in einem jüngst in der Zeitschrift The Atlantic erschienenen wunderbar freimütigen Interview Recht. Wenn wir aber die Misere auf dieser Welt nicht noch verschärften wollen, müssen wir aus dieser Intervention die richtigen Lehren ziehen.

Wir sind uns einig, dass in Libyen im Moment das Chaos herrscht. Die Truppen des Islamischen Staats halten bedeutende Landesteile unter ihrer Kontrolle, der von den Vereinten Nationen unterstützte Friedensprozess ist ins Stocken geraten und die Gräueltaten werden auf allen Seiten fortgesetzt.

Darüber hinaus besteht - offenkundig auch auf Seiten Obamas – Einigkeit darüber, dass in die Planung des Lebens nach Gaddafi weit weniger Gedanken, Energie und Ressourcen investiert wurden als in die Maßnahmen zu seinem Sturz; dass Frankreich, Großbritannien und andere Verbündete der USA einen geringeren Beitrag leisteten als dies hätte sein sollen; und dass alle an der Intervention Beteiligten die Komplexität der wechselnden persönlichen, regionalen und auf Stammeszugehörigkeit beruhenden Feindschaften und Allianzen, die diesen Bürgerkrieg so blutig und ergebnislos werden ließen, gründlich unterschätzten.    

Aber heißt das alles nun, dass man auf eine militärische Intervention hätte verzichten sollen? Und heißt es, dass insbesondere die Vereinigten Staaten nie wieder aktiv werden sollten, wenn es darum geht, Zivilisten vor realem oder angedrohtem Völkermord und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen, außer wenn ihre eigenen grundlegenden nationalen Sicherheitsinteressen offenkundig in weit höherem Maße auf dem Spiel stehen?