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Obama und die zwei Zukunftsszenarien für Asien

TOKIO – Trotz der unaufhaltsamen Verschiebung der globalen Wirtschaftsmacht in Richtung Asien und Chinas Aufstieg zur Großmacht – die zentralen historischen Ereignisse unserer Zeit, die in absehbarer Zukunft das Weltgeschehen bestimmen werden – liegt das Hauptaugenmerk der USA anderswo. Die Terrorangriffe des Jahres 2001 gefolgt von den Kriegen in Afghanistan und im Irak, die große Kontraktion des Jahres 2008, der arabische Frühling und die europäische Staatsschuldenkrise haben die USA davon abgehalten, sich am Aufbau einer dauerhaften Friedensstruktur zu beteiligen, um dem wieder erstehenden Asien von heute Rechnung zu tragen. 

Im November hat US-Präsident Barack Obama Gelegenheit, diesem Ungleichgewicht zu begegnen, wenn er als Gastgeber des Gipfels der asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit in seinem Heimat-Bundesstaat Hawaii auftritt. Der Zeitpunkt dieser Konferenz ist glücklich gewählt, denn in Asien werden momentan eine Reihe kritischer Fragen virulent.

Im südchinesischen Meer beispielsweise prallen konkurrierende Gebietsansprüche auf Inseln, Atolle und den Meeresgrund aufeinander, einschließlich Chinas gewagter Feststellung, das gesamte Meer gehöre zu seinem Hoheitsgebiet. Bei dem diesjährigen ASEAN-Gipfel auf der Insel Bali kam man überein, diese Territorialkonflikte durch bilaterale Verhandlungen zu lösen. Aber aufgrund des Ausmaßes der chinesischen Ansprüche war dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt. Tatsächlich beharrt China nun darauf, dass das Meer ein Herzstück seiner nationalen Interessen sei - auf gleicher Ebene mit Taiwan und Tibet -  für das man zu kämpfen bereit ist.

Chinas Bereitschaft zu Drohgebärden verstärkt das gravierende Ungleichgewicht hinsichtlich Größe und Einfluss zwischen ihm und den anderen Anrainerstaaten des südchinesischen Meeres. Aus diesem Grund erwiesen sich die bilateralen Verhandlungen zur Lösung der Konflikte als nicht lebensfähig. Vietnam und die Philippinen wurden kürzlich schikaniert, wobei sich beide zur Wehr setzten und sich den chinesischen Bedingungen nicht unterwarfen.