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Kernwaffen in Bürgerkriegsgebieten

LOS ANGELES – Der jüngste gescheiterte Militärputsch in der Türkei hat zu Instabilität, Paranoia und einem harten Vorgehen gegen vermeintliche Regimegegner geführt, darunter viele Journalisten. Zum Glück endete er nicht damit, dass sich die Rebellentruppen einiger der dutzenden auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik, von dem das Rebellenflugzeug abflog, gelagerten amerikanischen Kernwaffen bemächtigten. Aber was ist beim nächsten Mal?

Die neun weltweiten Atommächte behaupten, dass wenig Anlass zur Sorge bestünde. Nach ihren Aussagen würden die Verbindung aus physischem Schutz sowie, in den meisten Fällen, elektronischen Sicherheitsmechanismen (sogenannten Permissive Action Links oder PALs) die Sicherheit ihrer Arsenale selbst dann gewährleisten, wenn die Länder, in denen die Waffen gelagert oder stationiert sind, von Gewalt heimgesucht werden sollten.

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Robert Peurifoy, ein ehemaliger leitender Waffentechniker bei den Sandia National Laboratories, sieht das anders. Er erläuterte kürzlich gegenüber der Los Angeles Times, dass diese Sicherheitsmechanismen, deren frühe Versionen er mit entworfen hat, Terroristen lediglich für begrenzte Zeit aufhalten würden, bevor sie die in ihre Gewalt geratenen Kernwaffen nutzen könnten. „Entweder Sie behalten sie in Gewahrsam, oder Sie sollten einen Atompilz erwarten.“

Peurifoys Aussagen haben zu Recht Besorgnis über die Sicherheit von in unsicheren Regionen gelagerten Kernwaffen ausgelöst. Man denke etwa an Pakistan, das über das weltweit am schnellsten wachsende Nukleararsenal verfügt und unter erbarmungslosem Terrorismus durch Dschihadisten und separatistischer Gewalt leidet. Es wurden bereits Anschläge auf pakistanische Militäreinrichtungen verübt, in denen angeblich nukleare Komponenten lagern. Die neuen mobilen „nuklearen Gefechtsfeldwaffen“ des Landes, die sich leichter entwenden lassen, verstärken die gegenwärtigen Befürchtungen noch.

Nordkorea mit seinem volatilen, unberechenbaren Regime ist eine weitere Sorgenquelle. Die dem Militär misstrauende Regierung von Kim Jong-un hat wiederholt Säuberungsaktionen unter führenden Offizieren durchgeführt, was mit Sicherheit Widerstand geschürt hat, der eines Tages ernsthafte innerstaatliche Konflikte auslösen könnte. Dieser Gemengelage Kernwaffen hinzuzufügen wäre hochgefährlich. Und während andere Atommächte stabil erscheinen, könnten Länder wie China und Russland, die zunehmend auf eine autoritäre Regierungsform setzen, eigenen Risiken ausgesetzt sein, falls der politische Zusammenhalt dort leidet.

Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele, wo die Sicherheit anhaltenden Unruhen standgehalten hat. Die Revolte der Generäle in Französisch-Algerien 1961, die Risiken für eine nukleare Testwaffe in der Sahara schuf, führte zu keinerlei gefährlichen Vorfällen. In China konnte die Regierung ihre während der Kulturrevolution von den Revolutionären Garden bedrohten Kernwaffen wirksam schützen. Und weder der Putschversuch gegen Michail Gorbatschow noch der Zusammenbruch der Sowjetunion führten zu einem Verlust der Kontrolle über das Nukleararsenal des Landes.

Doch besagen diese Präzedenzfälle noch lange nicht, dass die Sicherheit der Kernwaffen auch in Zukunft gewährleistet ist, insbesondere in instabilen Ländern wie Pakistan und Nordkorea. Es besteht das Risiko, dass Atombomben oder nukleare Materialien von Rebellen, terroristischen Gruppen oder selbst scheiternden, verzweifelnden Regierungen kontrolliert werden könnten. Und in diesen Fällen stünden der internationalen Gemeinschaft nur wenige Optionen zur Verfügung, um die Bedrohung zu verringern.

Außenstehende Mächte können zum Beispiel einen zielgerichteten Angriff durchführen, so wie den, den Israel gegen die mutmaßlichen, damals im Bau befindlichen Reaktoren im Irak und in Syrien ausführte. Diese Luftschläge hätten freilich keinen Erfolg gehabt, wäre Israel nicht in der Lage gewesen, die Ziele präzise zu identifizieren. Tatsächlich war zwar die Existenz der irakischen Anlage in Osirak allgemein bekannt; die Entdeckung der syrischen Anlage in Al Kibar jedoch war ein geheimdienstliches Bravourstück.

Die Durchführung eines derartigen Luftschlages gegen nordkoreanische oder pakistanische Nuklearanlagen in Krisenzeiten würde einen ähnlichen Durchbruch erfordern, der angesichts der umfassenden Bemühungen zur Tarnung derartiger Anlagen möglicherweise noch schwieriger zu erreichen wäre als damals. Die geheime Verlagerung von Bomben oder nuklearem Material inmitten der Unruhe würde die Zielansprache noch weiter komplizieren.

Eine weitere Option – Einmarsch und Besetzung – vermeidet die Herausforderung der Ermittlung der Nuklearstandorte. Der Sieg über Nazideutschland versetzte die Alliierten in die Lage, das noch in den Kinderschuhen steckende deutsche Nuklearprogramm ausfindig zu machen und zu zerstören. Der Einmarsch im Irak 2003 ermöglichte den USA den uneingeschränkten Zugriff auf alle denkbaren Standorte, an denen Massenvernichtungswaffen gelagert hätten sein können. Doch die Kosten waren enorm. Ein Einmarsch in Nordkorea oder Pakistan und deren Besetzung würden in gleicher Weise enorme Armeen erfordern und einen erbitterten konventionellen Krieg sowie möglicherweise den Einsatz der Waffen gegen die Eindringlinge auslösen.

Eine dritte Option ist das nukleare Containment, das mehrere Maßnahmen erfordert. Erstens müsste man, um die Verlagerung von Kernwaffen und nuklearem Material zu verhindern, alle Land-, See- und Luftverkehrsrouten aus dem fraglichen Land kontrollieren, und der Heimatschutz müsste nah und fern verstärkt werden. Zwar wurde bereits eine Sicherheitsinitiative zur Unterbindung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (Proliferation Security Initiative bzw. PSI) umgesetzt, um den Schmuggel von nuklearer Kontrabande weltweit zu unterbinden. Die Internationale Atomenergiebehörde meldet jedoch, dass weiterhin kleine Mengen nuklearen Materials geschmuggelt würden. Eine Zunahme der Überwachung wird das Problem möglicherweise verringern, aber nicht beseitigen.

Containment erfordert zudem, dass die Wächter der Nuklearmaterialien bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um Nuklearstandorte gegen Terroristen oder Rebellen zu verteidigen. Und sie erfordert, dass die Nachbarstaaten des fraglichen Landes ihre Raketenabwehrsysteme in Alarmbereitschaft versetzen. Auch wenn Indien, Südkorea und Japan derartige Systeme weiterhin modernisieren, ist keine Raketenabwehr perfekt.

Die Minderung nuklearer Bedrohungen ist keine Kleinigkeit, wenn die Lage vor Ort sich schnell ändert und Furcht das Denken verwirrt. Obwohl besorgte Regierungen geheime Notfallpläne aufgestellt haben, weisen derartige Planungen, was die Reaktion auf die jüngsten internationalen Erschütterungen im Nahen Osten angeht, eine durchwachsene Bilanz auf.Und einfach nur zu hoffen, dass alles nach Plan verläuft und die nukleare Kommando- und Kontrollstruktur Bestand hat, bleibt ein Glücksspiel.

Die Zeit ist gekommen, um neue Ideen zu diskutieren, wobei die USA – noch immer das weltweit führende Land, was die Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen angeht – die Führung übernehmen sollten. Eine öffentliche Diskussion unter Beteiligung der Exekutive, des Kongresses, von Denkfabriken, investigativen Journalisten und Wissenschaftlern sollte eine Grundlage für die politischen Linien legen. Wir können es uns nicht erlauben, am Rande einer Katastrophe zu stehen ohne einen gut durchdachten und allgemein unterstützten Plan.

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Die Lehre aus der Türkei ist nicht, dass die Bomben von Incirlik – von anderen Kernwaffen in instabilen Regionen gar nicht zu reden – sicher sind. Sie ist vielmehr, dass die Sicherheit unserer tödlichsten Waffen binnen eines Augenblicks kompromittiert werden könnte. Dies sollte ein Weckruf für uns alle sein.

Aus dem Englischen von Jan Doolan