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Die eurasische Vision Russlands

NEW YORK – Der eskalierende Konflikt zwischen der westlich unterstützten Regierung und den durch Russland unterstützten Separatisten in der Ukraine lenkt die Aufmerksamkeit auf eine grundlegende Frage: Welche langfristigen Ziele verfolgt der Kreml? Das sofortige Ziel des russischen Präsidenten Wladimir Putin mag darauf beschränkt sein, die Kontrolle über die Krim und etwas Einfluss auf die Ukraine zurück zu erlangen, aber seine langfristigen Ziele sind viel kühner.

Gleichzeitig sind sie leicht erkennbar: Putin hat einmal die berühmte Aussage gemacht, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Also ist sein langfristiges Ziel, diese in irgend einer Form nachzubilden, vielleicht als übernationale Union von Mitgliedstaaten wie im Fall der Europäischen Union.

Dies ist nicht überraschend: Russland mag sich zwar im Niedergang befinden, hat sich aber immer selbst als Großmacht gesehen, die von Pufferstaaten umgeben sein sollte. Unter den Zaren hat das russische Imperium nach und nach seine Macht ausgeweitet. Unter den Bolschewiken gründete das Land dann die Sowjetunion und erhielt damit einen Einflussbereich, der sich auf den größten Teil Zentral- und Osteuropas erstreckte. Und heute, unter Putins ähnlich autokratischer Regierung, plant Russland, im Laufe der Zeit eine riesige Eurasische Union aufzubauen.

Die EAU ist zwar lediglich eine Zollunion, aber die Erfahrungen mit der Europäischen Union legen nahe, dass eine erfolgreiche Freihandelszone mit der Zeit zu größerer wirtschaftlicher, monetärer und schließlich politischer Integration führt. Russlands Ziel ist nicht, eine weiteres Nordamerikanisches Freihandelsabkommen zu gründen, sondern eine weitere EU, in der der Kreml alle wichtigen Machtinstrumente in der Hand hat. Der Plan ist klar: mit einer Zollunion beginnen – der zunächst Russland, Belarus und Kasachstan angehören – und später dann die meisten der ehemaligen Sowjetrepubliken an Bord holen. In der Tat sind nun Armenien und Kirgisien im Spiel.