0

Anregung zum Lächeln

Stellen Sie sich vor, Sie gingen die Straßen Ihrer Nachbarschaft entlang, das Gesicht nach oben gewandt und mit offenem Gesichtsausdruck. Wie viele derjenigen, denen Sie dabei begegnen, würden wohl lächeln oder Sie auf irgendeine Weise begrüßen?

Lächeln ist eine universelle menschliche Praxis, auch wenn die Bereitschaft, Fremde anzulächeln, je nach Kultur variiert. In Australien, wo es nicht ungewöhnlich ist, Fremden offen und freundlich zu begegnen, hat die einige der Küstenvororte Melbournes umfassende Stadt Port Phillip Freiwillige eingesetzt, um herauszufinden, wie häufig die Menschen andere Passanten, die ihnen auf der Straße begegnen, anlächeln. Anschließend stellte die Stadt an Geschwindigkeitsbeschränkungen erinnernde Schilder auf, die Fußgängern kenntlich machen, dass sie sich etwa in einer Zone aufhalten, wo sie 10 Mal pro Stunde lächeln sollen.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Leichtfertiger Unfug? Eine Verschwendung von Steuergeldern? Bürgermeisterin Janet Bolitho sagt, die Schilder seien ein Versuch, die Leute zu ermutigen, Nachbarn und Fremde beim Straßenbummel anzulächeln oder ihnen „G’day“ – die übliche australische Grußform – zu wünschen. Ein Lächeln, so fährt sie fort, vermittle den Menschen ein Gefühl der Verbundenheit und Sicherheit in Bezug auf ihr Umfeld und verringere so die Furcht vor Verbrechen – ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität in vielen Vierteln.

In dem hiermit in Verbindung stehenden Bemühen, den Bürgern das Kennenlernen zu erleichtern, unterstützt die Stadtverwaltung außerdem Straßenfeste. Sie überlässt die Einzelheiten den Menschen vor Ort, aber hilft mit organisatorischer Beratung, dem Verleih von Grills und Sonnenschirmen und übernimmt die öffentliche Haftpflichtversicherung. Viele Einwohner, die seit Jahren in ein und derselben Straße wohnen, treffen sich bei einem solchen Straßenfest zum ersten Mal.

All dies ist Teil eines umfassenderen Programms, mit dem versucht wird, Veränderungen bei der Lebensqualität in der Stadt zu messen, damit der Stadtrat wissen kann, ob er die Gemeinschaft in eine wünschenswerte Richtung führt. Der Stadtrat möchte, dass Port Phillip eine nachhaltige Gemeinschaft ist – und zwar nicht bloß im ökologischen Sinne, sondern auch unter den Gesichtspunkten sozialer Gerechtigkeit, ökonomischer Lebensfähigkeit und kultureller Vitalität.

Es ist Port Phillip Ernst bei dem Bemühen, ein guter „Global Citizen“ zu sein. Statt die Zahl der Autos in Privateigentum als ein Zeichen von Wohlstand zu betrachten, begrüßt die Stadt tatsächlich die Abnahme der Zahl der Automobile – und die zunehmende Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs – als Zeichen des Fortschritts bei der Reduzierung von Treibhausgasen, und sie ermutigt zu einem gesünderen Lebensstil, bei dem die Leute eher geneigt sind, zu Fuß zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Die Stadt bemüht sich außerdem um weniger energieintensive Entwürfe für Neubauten.

Einige lokale Verwaltungen betrachten es als ihre Aufgabe, grundlegende Leistungen wie die Müllabfuhr und die Wartung der Straßen zu erbringen – und natürlich, die Steuern zu erheben, um hierfür zu bezahlen. Andere fördern die örtliche Wirtschaft, indem sie Gewerbeansiedlungen unterstützen und so die Anzahl der örtlichen Arbeitsplätze und die örtliche Steuerbasis steigern. Die Stadtverwaltung von Port Phillip verfolgt einen weiter gefassten und langfristigeren Ansatz. Sie strebt danach, der nächsten Generation von Einwohnern dieselben Chancen auf eine gute Lebensqualität zu bieten wie der jetzigen. Zum Schutz dieser Lebensqualität muss sie in der Lage sein, all die unterschiedlichen Aspekte zu messen, die hierzu beitragen – und Freundlichkeit ist einer davon.

Für viele Regierungen – auf nationaler wie auf kommunaler Ebene – hat die Verbrechensvermeidung einen sehr viel höheren Stellenwert als die Förderung von Freundschaft und Kooperation. Dabei ist, so Professor Richard Layard von der London School of Economics in seinem jüngsten Buch Happiness: Lessons from a New Science , die Förderung von Freundschaft häufig einfach und preiswert und kann erheblich dazu beitragen, die Menschen zufriedener zu machen. Warum also sollte dies kein Schwerpunkt öffentlicher Politik sein?

Sehr kleine positive Erfahrungen können dazu führen, dass sich die Menschen nicht nur selbst besser fühlen, sondern auch anderen gegenüber hilfsbereiter sind. In den 1970er Jahren führten die amerikanischen Psychologinnen Alice Isen und Paula Levin ein Experiment durch, bei dem einige nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Anrufer in einer öffentlichen Telefonzelle eine 10-Cent-Münze fanden und andere nicht. Alle Versuchspersonen erhielten anschließend Gelegenheit, einer Frau dabei zu helfen, einen Ordner aufzuheben, den diese vor ihren Füßen hatte fallen lassen.

Laut Isen und Levin waren von den 16 Personen, die eine Münze fanden, 14 der Frau behilflich, während von den 25, die keine Münze fanden, nur eine ihr half. Eine weitere Studie zeigte eine ähnliche Differenz bei der Bereitschaft, einen adressierten Brief, der in der Telefonzelle zurückgelassen wurde, aufzugeben: Diejenigen, die die Münze gefunden hatten, neigten eher dazu, den Brief aufzugeben.

Obwohl spätere Untersuchungen Zweifel an der Existenz derart drastischer Unterschiede aufgeworfen haben, bestehen kaum Zweifel daran, dass gute Laune den Menschen zu einem erhöhten Selbstwertgefühl verhilft und es wahrscheinlicher macht, dass sie anderen helfen. Die Psychologen sprechen in einem solchen Fall von der „Ausstrahlung guten Willens“. Warum sollte die Durchführung kleiner Schritte, die eine derartige Ausstrahlung herbeiführen können, nicht zur Aufgabe des Staates gehören?

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Hier ein Maß von Erfolg: Während der vergangenen anderthalb Jahre ist der Anteil der Menschen, die Sie in Port Phillip anlächeln, von 8% auf 10% gestiegen.

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Universität Princeton und Laureate Professor an der Universität Melbourne. Er ist der Verfasser, u.a., von Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit und von Writings on an Ethical Life.