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Der neue Antisemitismus

NEW YORK – Diejenigen, die uns erzählen, dass der Islam – und nicht nur der revolutionäre Islamismus – eine tödliche Bedrohung für die westliche Zivilisation sei, können sich befriedigt fühlen: Der Präsident der Vereinigten Staaten und seine wichtigsten Berater stimmen mit ihnen überein. Oder wie es Donald Trumps Nationaler Sicherheitsberater, General Mike Flynn, formuliert: „Die Furcht vor Muslimen ist rational.“ Stephen Bannon, ehemaliger Executive Chairman der rechtsextremen Breitbart News und inzwischen Trumps politischer Chefstratege sowie Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, hat erklärt, dass sich der „judeochristliche“ Westen in einem globalen Krieg mit dem Islam befinde.

Trump hat versprochen, Amerika an die erste Stelle zu setzen, wobei er den Slogan „America first“ von den amerikanischen Isolationisten der 1930er Jahre übernommen hat, deren berühmtester Sprecher der Pilot Charles Lindbergh war – ein notorischer Antisemit, der Juden und Linken vorwarf, die USA in einen Krieg gegen Hitler (den er bewunderte) hineingezogen zu haben. Nach Lindberghs Überzeugung „können [wir] nur so lange Frieden und Sicherheit haben, … wie wir uns gegen Angriffe durch ausländische Armeen und die Vermischung mit ausländischen Rassen schützen.“

Der Rassismus steckt also in der DNA des „America first“. Ähneln die Ansichten über den Islam, die sich jetzt im Weißen Haus etabliert haben, in irgendeiner Weise dem Antisemitismus der 1930er Jahre? Haben Bannon, Flynn und Trump schlicht alte Vorurteile aufgewärmt und eine Gruppe Semiten durch eine andere ersetzt?

Vielleicht nicht einmal das. Trumps Versäumnis, die Juden oder den Antisemitismus in seiner Erklärung angesichts des Holocaust-Gedenktages zu erwähnen, erschien eindeutig seltsam. Und die Warnungen seines Wahlkampfteams vor prominenten Juden wie etwa George Soros, die angeblich Teil einer weltweiten Verschwörung zur Schwächung Amerikas seien, blieben nicht unbemerkt.

Trotzdem gibt es einige offensichtliche Unterschiede zwischen den 1930er Jahren und unserer Zeit. Es gab damals keine revolutionäre Bewegung aufseiten der Juden, die Gräueltaten im Namen ihres Glaubens begingen. Auch gab es keine Staaten mit jüdischen Bevölkerungsmehrheiten, die dem Westen gegenüber feindselig eingestellt waren.

Doch die Ähnlichkeiten zwischen dem damaligen und dem heutigen Antisemitismus sind eklatant. Ein erschreckender Hinweis ist die Verwendung einer biologischen Sprache in der Wahrnehmung des Feindes. Hitler bezeichnete die Juden als giftigen rassischen Krankheitskeim. Der Titel eines weit verbreiteten Nazipamphlet lautete „Der Jude als Weltparasit“. Frank Gaffney, eine einflussreiche Figur in Trumps ethnisch-nationalistischen Kreisen, bezeichnete Muslime als „Termiten“, die „die Struktur der Zivilgesellschaft und anderer Institutionen aushöhlen“.

Wenn Menschen erst einmal als Parasiten, Krankheitserreger oder schädliche Termiten bezeichnet werden, liegt der Schluss, dass man sie vernichten müsse, um die gesellschaftliche Gesundheit zu schützen, nicht weit.

Es mag jedoch noch einen weiteren Unterschied zwischen der Verfolgung der Juden und der derzeitigen Feindseligkeit gegenüber den Muslimen geben. Der Antisemitismus der Vorkriegszeit richtete sich nicht nur gegen religiöse Juden, sondern auch – und vielleicht besonders – gegen assimilierte Juden, die nicht länger in irgendeiner Weise herausstachen. Das Vorurteil gegenüber den Muslimen erscheint weniger rassischer und stärker kultureller und religiöser Art  zu sein.

Doch selbst dieser Unterschied ist möglicherweise mehr Schein als Sein. Die Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts gingen davon aus, dass ein Jude immer ein Jude sei, egal, was er oder sie zu glauben vorgab. Juden würden immer ihrer eigenen Art gegenüber loyal sein. Der Judaismus wurde nicht als spiritueller Glaube angesehen, sondern als politische Kultur, die per definitionem mit der westlichen Zivilisation und ihren Institutionen unvereinbar sei. Diese Kultur läge den Juden im Blut. Um sie zu verteidigen, würden Juden Nichtjuden immer belügen.

Diese Ansichten gab es lange vor den Nazis. Tatsächlich waren sie der Grund, warum die gelehrten Verfasser der ersten Verfassung des unabhängigen Norwegens, die 1814 abgefasst wurde, Juden von der norwegischen Staatsangehörigkeit ausschlossen. Das Argument für diesen Ausschluss beruhte auf der Verteidigung der Prinzipien der Aufklärung: Kultur und Glauben der Juden würden Norwegens freiheitliche Demokratie unweigerlich untergraben.

Die heutigen Feinde des Islam verwenden häufig genau dieses Argument: Muslime würden Ungläubige belügen. Ihre Religion sei nicht spirituell, sondern politisch. Sie würden möglicherweise gemäßigt aussehen, aber das sei eine Lüge. Was wir laut Gaffney fürchten müssen, ist „diese verstohlene, subversive Art des Dschihad“.

Doch selbst wenn die grundlegenden Ängste und Vorurteile gegenüber muslimischen und jüdischen Verschwörungen einander ähneln, dürften die Folgen deutlich unterschiedlich sein. Die Juden, die laut den Nazis eine existentielle Bedrohung für Deutschland darstellten, konnten völlig ungestraft verfolgt und später in Massen umgebracht werden. Von ein paar kleinen, verzweifelten Rebellionen abgesehen hatten sie keine Möglichkeit, der Macht der Nazis Widerstand zu leisten.

Die brutale Gewalt des revolutionären Islamismus andererseits ist nicht von der Hand zu weisen. Islamistische Terroranschläge in westlichen Ländern lassen sich nur durch gute Geheimdienst- und Polizeiarbeit verhindern, insbesondere in den muslimischen Gemeinschaften. Doch wenn man alle Muslime vor den Kopf stößt und demütigt, wird sich der Terrorismus erheblich verschlimmern. Und was ein „globaler Krieg gegen den Islam“ in der hochexplosiven Politik des Mittleren Ostens und Afrikas bewirken kann, lässt sich leicht erraten.

In diesem Falle wäre der „Kampf der Kulturen“, der in den Köpfen der islamistischen Terroristen sowie einiger ihrer erbittertsten Feinde besteht, keine Fantasterei mehr; er könnte tatsächlich eintreten.

Ob Trumps Kreuzritter mit Feuer spielen, ohne so recht zu wissen, was sie tun, oder ob sie sich tatsächlich einen Flächenbrand herbeiwünschen, ist noch unklar. Man darf die krasse Unwissenheit in diesen Kreisen nicht unterschätzen. Doch vielleicht ist es nicht zu zynisch, sich vorzustellen, dass Trumps Ideologen tatsächlich Blut sehen wollen. Der islamistischen Gewalt würde dann mit Notstandsgesetzen, staatlich sanktionierter Folter und Beschränkungen der Bürgerrechte begegnet – mit einem Wort: mit Autoritarismus.

Möglicherweise ist es das, was Trump will. Doch ist es sicher nicht, was die meisten Amerikaner einschließlich mancher Trump-Wähler sich wünschen würden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan