0

Die vernachlässigten Krankheiten marginalisierter Menschen

WASHINGTON, DC – Als Papst Franziskus im September die Vereinigten Staaten besuchte, hielt er historische Reden im US-Kongress und auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Anknüpfend an die Gedanken seiner Enzyklika Laudato Si’, betonte Franziskus die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, auf das Leiden der Menschen zu reagieren, etwa das der Flüchtlinge oder jener Menschen, die in extremer Armut leben, und rief zu weltweiter Solidarität auf, um soziale Ausgrenzung und Ungleichheit zu überwinden.

Die Appelle des Papstes sind ein Aufruf, allen Aspekten menschlichen Leidens unsere Aufmerksamkeit zu widmen, vor allem jenen, von denen die Ausgegrenzten am Rande der Gesellschaft betroffen sind. Ein Beispiel sind vernachlässigte tropische Krankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTD). Diese Gruppe von parasitären und damit zusammenhängenden Erkrankungen – unter anderem lymphatische Filariose (Elephantiasis), Eingeweidewürmer und Schistosomiasis – sind eine Geißel der Armut. Diese Krankheiten, von denen rund 1,4 Milliarden Menschen pro Jahr betroffen sind, darunter über 500 Millionen Kinder, verursachen unsägliches Leid und Schmerzen und tragen durch Produktivitätsverluste zum Kreislauf der Armut bei.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

In den vergangenen zehn Jahren hat die internationale Gemeinschaft bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung der NTD erzielt. So hat etwa die Großzügigkeit von großen Pharmaunternehmen, die unentgeltlich Medikamente zur Verfügung stellen, eine Ausweitung der Behandlungsprogramme ermöglicht.

Doch trotz ermutigender Anzeichen für Fortschritte, bekommen bedauerlicherweise gerade einmal 40% der Menschen, die durch diese vermeidbaren Krankheiten gefährdet sind die Medikamente, die sie benötigen. Weit über eine Milliarde Menschen hat immer noch keinen Zugang zur Behandlung von Krankheiten, die potenziell Invalidität nach sich ziehen, und die weniger als 0,50 US-Dollar pro Person kostet. Das ist nicht nur ein gravierendes medizinisches Problem; es ist auch ein schwerwiegendes moralisches Problem, mit dem diejenigen von uns, die mit den Armen arbeiten jeden Tag konfrontiert sind.

Der Grund, warum die internationale Gemeinschaft es versäumt, dieses Problem zu lösen ist so einfach wie schäbig: Zumeist sind es die ärmsten Menschen, die am wenigsten Beachtung finden, die von vernachlässigten Krankheiten heimgesucht werden. Papst Franziskus drückte es in Laudato Si’ folgendermaßen aus: „Man hat gewöhnlich keine klare Vorstellung von den Problemen, die besonders die Ausgeschlossenen heimsuchen. Sie kommen in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Debatten vor, doch oft scheint es, dass ihre Probleme gleichsam als ein Anhängsel angegangen werden.“

Der historische Besuch des Papstes in den USA erfolgte zu einem wichtigen Zeitpunkt. Der Kongress stand kurz vor der Entscheidung über den Haushaltsplan für 2016 und die Vereinten Nationen haben mit der Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDG) die entwicklungspolitische Agenda für die kommenden 15 Jahren festgelegt. Beide Organisationen täten gut daran, die Worte des Papstes zu beherzigen.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die USA ihre führende Rolle im Kampf gegen vernachlässigte Krankheiten fortsetzen, indem in diesem wie auch in den kommenden Jahren weiterhin Mittel aus dem Bundeshalt für Behandlungsprogramme zur Verfügung gestellt werden. In seiner Rede vor dem Kongress mahnte Franziskus die Abgeordneten: „Wie viel ist in diesen ersten Jahren des dritten Jahrtausends getan worden, um Menschen aus der extremen Armut herauszuziehen! Ich weiß, dass Sie meine Überzeugung teilen, dass noch viel mehr getan werden muss und dass in Zeiten der Krise und des wirtschaftlichen Engpasses der Geist weltweiter Solidarität nicht verloren gehen darf. “

Auf internationaler Ebene hat uns die Entscheidung der UN-Mitglieder ermutigt, der Bekämpfung vernachlässigter Krankheiten in der Entwicklungsagenda für die Zeit nach 2015 hohe Priorität zu verleihen. Insbesondere ist ein globaler Indikator für NTD – die „Anzahl der Menschen, die medizinische Intervention gegen vernachlässigte tropische Krankheiten benötigen“ entwickelt worden, anhand dessen Fortschritte im Rahmen des SDG-Monitoring beurteilt werden können. Das wird dazu beitragen, dass NTD in den kommenden 15 Jahren endlich die Aufmerksamkeit zuteilwird, die ihnen gebührt.

Einer der grundlegendsten Schritte, die wir unternehmen können, um zu überwinden, was Franziskus „die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ nennt, ist die gemeinsame Unterstützung entschlossener, nachprüfbarer Maßnahmen im Kampf gegen NTD. Die Einführung eines globalen Indikators, mit dem unsere Fortschritte auf dem Weg der Bekämpfung und endgültigen Eliminierung dieser Krankheiten sichtbar werden, ist ein echtes Zeichen unserer Solidarität mit den Armen.

Fake news or real views Learn More

In seiner Rede vor den Vereinten Nationen hat uns Franziskus an einen wesentlichen Punkt erinnert: „Vor allen Plänen und Programmen und jenseits davon gibt es konkrete Frauen und Männer, die leben, ringen und leiden und die sich oft gezwungen sehen, elend und bar aller Rechte zu leben.“ Wenn es uns mit all unseren technologischen Fortschritten und beispiellosen Spenden der Privatwirtschaft nicht gelingt, die missliche Lage der ärmsten Menschen dieser Welt für ein paar Cent pro Person zu ändern, wie können wir dann davon ausgehen, die schwierigeren, kostspieligeren Probleme in den Bereichen Gesundheit und Entwicklung zu bewältigen, mit denen wir konfrontiert sind?

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.