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Nationalismus, Zuwanderung und wirtschaftlicher Erfolg

CAMBRIDGE – Die Verlangsamung des Wachstums ist eine der zentralen Herausforderungen in den entwickelten Ökonomien der Welt. Die Wachstumsraten in den Industrieländern lagen in den letzten zehn Jahren im Schnitt bei 1,2 Prozent, verglichen mit dem Durchschnittswert von 3,1 Prozent in den 25 Jahren davor.

Die Geschichte lehrt, dass Gesellschaften aufgrund eines langsameren Wirtschaftswachstums weniger großzügig, weniger tolerant und weniger inklusiv werden können. Es ist daher naheliegend, dass das vergangene Jahrzehnt des trägen Wachstums zum Aufstieg einer schädlichen Form des populistischen Nationalismus beigetragen hat, der in einer wachsenden Zahl von Ländern um sich greift.

Ebenso wie in den dunklen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts tritt der Nationalismus von heute in Gestalt eines erstarkenden Widerstandes gegen die Zuwanderung  und - zu einem geringeren Grad - gegen den Freihandel in Erscheinung. Erschwerend kommt hinzu, dass der toxische Nationalismus von heute den wirtschaftlichen Abschwung, der seinen Aufstieg beförderte, noch verschärfen wird.

Diesen Teufelskreis in eine positive Dynamik zu verwandeln – im Rahmen derer vermehrte Offenheit zu rascherem Wachstum führt – wird zumindest teilweise davon abhängen, ob es gelingt, die Zuwanderung mit inklusiveren Formen des Nationalismus besser vereinbar zu machen. 

Die wirtschaftliche Beweislage zu diesem Thema ist klar: die Zuwanderung trägt in hohem Maße zu Wirtschaftswachstum bei. Außerdem ist Zuwanderung notwendiger als jemals zuvor, denn aufgrund alternder Bevölkerungen und niedrigerer Geburtenraten in den Industrieländern kommt es zu einem Boom bei Pensionierungen ohne entsprechendes Kollektiv an einheimischen Arbeitskräften im Haupterwerbsalter, die diese Entwicklung unterstützen.

So schrumpft beispielsweise die erwerbstätige Bevölkerung in Japan seit 1995. In der Europäischen Union entfielen von 2000 bis 2010 70 Prozent des Arbeitskräftewachstums auf Zuwanderer. Und in den Vereinigten Staaten ist die Einwanderung der Hauptgrund, dass der Anteil der Erwerbsbevölkerung auch weiterhin wächst; wären die USA nur auf einheimische Arbeitskräfte angewiesen, würde die Zahl der Erwerbstätigen schrumpfen.

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Rascheres Wachstum ist vorteilhaft, auch wenn damit eine zahlenmäßig größere Bevölkerung getragen werden muss, weil die arbeitenden Zuwanderer Steuern zahlen und damit einen Beitrag zur Erhaltung der Rentner leisten. Insgesamt ist es weit besser, ein rasch wachsendes Land mit dynamischer, wachsender Bevölkerung zu sein als ein Land mit schwindender Bevölkerungszahl wie Japan.

Neben der zahlenmäßigen Ausweitung der Erwerbsbevölkerung sorgen die Zuwanderer aufgrund steigender Produktivität – also dem Ausstoß pro Arbeitskraft  - für einen Anstieg des Pro-Kopf-BIPs. Grund dafür ist, dass Zuwanderer tendenziell eher unternehmerisch denken und neue Firmen gründen. 

In Deutschland beispielsweise gründeten Inhaber ausländischer Reisepässe im Jahr 2015 44 Prozent der neuen Firmen. In Frankreich schätzt die OECD, dass Einwanderer 29 Prozent mehr unternehmerische Tätigkeiten ausüben als einheimische Arbeitskräfte, wobei dieser Wert dem Durchschnittswert der OECD insgesamt entspricht. Und in den USA melden Einwanderer  2-3 Mal so viele Patente an wie einheimische Bürger, die aber von den Innovationen der Zuwanderer ebenfalls profitieren.

Es bestehen wenig Zweifel, dass die Zuwanderer den wirtschaftlichen Kuchen insgesamt vergrößern; wie steht es aber um ihre Wirkung, wenn es darum geht, wie dieser Kuchen verteilt wird? In dieser Frage ist die Beweislage weniger deutlich. Ganz gewiss gibt es Gewinner und Verlierer. Doch unter dem Strich deuten die verfügbaren Daten darauf hin, dass die Löhne für einheimische Arbeitnehmer durch Zuwanderer nicht sinken. In der Tat ist es wahrscheinlicher, dass Zuwanderung die Löhne insgesamt steigen lässt.

Ein kürzlich in Frankreich durchgeführte Studie ergab beispielsweise, dass jeder Anstieg des Beschäftigungsanteils der Zuwanderer um 1 Prozent innerhalb eines bestimmten Départements die Löhne der einheimischen Arbeitskräfte um 0,5 Prozent steigen lässt. Es scheint als würden die Zuwanderer nicht nur Ausmaß und Produktivität der Erwerbsbevölkerung ansteigen lassen, sondern auch oftmals die Qualifikationen einheimischer Arbeitskräfte ergänzen und ihnen dadurch zu höheren Löhnen verhelfen.

Mein beruflicher Schwerpunkt ist die Ökonomie, weswegen ich die Rolle des Wachstums herausstreiche. Das ist aber ganz klar nicht der einzige Faktor hinter dem Aufstieg des populistischen Nationalismus. Auch der kulturelle Wandel in den Industrieländern spielt eine Rolle – vielleicht sogar die größere. In den USA beispielsweise stieg der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung von 5 Prozent im Jahr 1960 auf etwa 14 Prozent heute. Wie Yascha Mounk von der Universität Harvard in seinem aufschlussreichen neuen Buch Der Zerfall der Demokratie, bemerkt, ist das der höchste Anteil seit der letzten großen einwandererfeindlichen Auflehnung in den USA, die sich gegen die „gelbe Gefahr“ im frühen 20. Jahrhundert richtete. 

Die Trends in anderen entwickelten Ländern präsentieren sich ähnlich und manchmal sogar noch dramatischer. Der Anteil der im Ausland geborenen Menschen an der Bevölkerung Schwedens beispielsweise stieg von 4 Prozent im Jahr 1960 auf 19 Prozent heute an und stellt damit einen noch größeren Wandel als in den Vereinigten Staaten dar.

Im Hinblick auf die Zuwanderung steht jedes Land vor der Wahl. Entweder man bezahlt den ökonomischen Preis für einen restriktiveren Kurs oder man genießt die wirtschaftlichen Vorteile größerer Offenheit. Aber obwohl politische Maßnahmen dazu beitragen können, die Vorteile dieser Offenheit zu realisieren, sollten wir deren politische und wirtschaftliche Beschränkungen nicht aus den Augen verlieren.

Jenseits politischer Lösungen müssen wir auch eine kulturelle Erwartung begründen, wonach Zuwanderer nicht nur unterschiedliche Perspektiven mitbringen, sondern auch Bürger ihres neuen Landes werden. Dazu gehört, die Sprache zu erlernen, nationale Traditionen zu würdigen und – wie ich selbst in Aix-en-Provence während einer Diskussion zu diesen Fragen im Rahmen der Veranstaltung Les Rencontres Économiques sah – mit der Fußballnationalmannschaft mitzufiebern.

Vor allem in den USA sollten wir in Richtung dieser Vision von Zuwanderung und inklusivem Nationalismus – und auf eine bessere Fußballmannschaft -  hinarbeiten.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/q016ktZ/de;

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