A Rohingya woman Anadolu Agency/Getty Images

Ist Südasien der neue Mittlere Osten?

PARIS – Der Mittlere Osten wird häufig als Region betrachtet, die durch Gefühle kollektiver Demütigung und gewaltsame Rivalitäten sowohl innerhalb von als auch zwischen Ländern überwältigt wird. Doch Südasien leidet unter einigen derselben Kräfte, was sich in der steilen Zunahme des buddhistischen Nationalismus in Myanmar widerspiegelt, wo derzeit die muslimischen Rohingya aus dem Lande vertrieben werden, und im Hindu-Nationalismus in Indien unter der Partei Bharatiya Janata von Ministerpräsident Narendra Modi.

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Die gute Nachricht für Südasien ist, dass eine „mittelöstliche“ Zukunft keine Zwangsläufigkeit ist. Doch die bloße Möglichkeit lässt den überhitzten Zustand erkennen, den der häufig in religiöse Begriffe gefasste Aufstieg des Nationalismus innerhalb der Region hervorbringt. Es ist, als würde der zunehmende Fundamentalismus innerhalb des Islam nun den Fundamentalismus in anderen Religionen anheizen.

Besonders düster ist die Lage für die Rohingya. Seit August verfolgt das Militär eine brutale Kampagne, die, auch wenn sie sich offiziell darauf konzentriert, militanten Rohingya Einhalt zu gebieten, gegen Zivilisten zielt und bei der komplette Dörfer niedergebrannt wurden, was hunderttausende von Rohingya zur Flucht ins benachbarte Bangladesch gezwungen hat.

Doch während das brutale Vorgehen der letzten Zeit besonders verheerend ist – „ein Lehrbuchbeispiel für ethnische Säuberungen“, um es in den Worten des UN-Flüchtlingskommissars auszudrücken –, ist die Verfolgung der Rohingya nichts Neues. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1948 haben aufeinander folgende Regierungen den Rohingya grundlegendste Rechte vorenthalten und sich sogar geweigert, ihnen das Bürgerrecht zuzugestehen.

Während die internationale Gemeinschaft das Vorgehen kritisiert hat, hat Myanmars faktische Führerin Aung San Suu Kyi sich kaum geäußert, was ihrem einst makellosen Ruf als mutige Vorkämpferin für Demokratie und Menschenrechte unbeschreiblichen Schaden zugefügt hat. Selbst als sie das Thema schlussendlich ansprach – nach wochenlanger Gewalt auf einer auf Englisch durchgeführten Pressekonferenz –, weigerte sie sich, die Rohingya namentlich zu erwähnen.

Suu Kyis problematische Reaktion wird häufig auf ihr politisches Kalkül im Umgang mit Myanmars Militär zurückgeführt, das das Land bis letztes Jahr regierte und sich weiterhin der zivilen Kontrolle entzieht. Doch so wenig das zu einer Friedensnobelpreisträgerin passt: In Wahrheit dürfte ihre Reaktion auch ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal einer kleinen Minderheit widerspiegeln. Muslime machen lediglich 4% von Myanmars Bevölkerung aus, und bis in Suu Kyis empfindsames burmesisch-aristokratisches Bewusstsein dringen ihre Interessen kaum vor.

Was als räumlich eng begrenzte Tragödie begann, hat sich inzwischen zu einer internationalen Krise entwickelt, und das nicht bloß wegen der Flüchtlingsströme nach Bangladesch und anderswohin. Wie im Mittleren Osten neigen nationale und religiöse Identitäten dazu, unentwirrbar miteinander verknüpft zu sein. Myanmar ist wie das benachbarte Thailand ein mehrheitlich buddhistisches Land; Malaysia und Indonesien sind überwiegend muslimische Länder, und in Indien sind die Mehrheit Hindus. Pakistan seinerseits wurde nach der Unabhängigkeit als Heimatland für die muslimische Minderheit in Großbritanniens ehemaligem indischen Großreich geschaffen.

Für religiöse Minderheiten in der Region ist Sicherheit oft schwer erreichbar, nicht zuletzt aufgrund des britischen und niederländischen Kolonialerbes. Der britische Raj stützte sich zur Durchsetzung der Kolonialherrschaft auf Minderheiten, indem er jenen, die unter Diskriminierung litten, ein besseres Leben versprach. Doch mit Abzug der Briten begann die Diskriminierung erneut, und dies angesichts der Ressentiments über die Kollaboration der Minderheiten mit der Kolonialherrschaft manchmal in verschärfter Form.

Es ist diese Diskriminierung, die eine kleine Minderheit junger Rohingya dazu verleitete, sich für die Gewalt zu entscheiden, etwa im August bei Anschlägen auf Sicherheitsposten und Polizeiwachen. Die militanten Rohingya wurden dabei möglicherweise durch fundamentalistische muslimische Prediger aus dem Nahen Osten aufgestachelt, oder vielleicht sogar durch Fanatiker aus dem eigenen Land. Jedenfalls sind sie typischerweise bestrebt, gegen das System und die Menschen, die für ihre Unterdrückung verantwortlich sind, zurückzuschlagen.

Und die Radikalisierung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft Myanmars ging mit der Zunahme des religiösen Extremismus aufseiten der buddhistischen Mehrheit einher. Buddha predigte Frieden und Toleranz, doch einige buddhistische Priester heute stacheln zu Hass und Gewalt auf.

Tatsächlich gab es bereits vor dem jüngsten Gewaltausbruch eine Abfolge von Massakern, die seitens der internationalen Gemeinschaft nur auf Gleichgültigkeit stießen. Wie die an den bosnischen Muslimen während der Balkankriege der 1990er Jahre verübten Gräueltaten scheinen die Übergriffe auf die Rohingya die selektive Empathie innerhalb der westlichen Welt zu belegen.

Das Resultat ist ein Teufelskreis aus Radikalisierung und Gewalt. Terrororganisationen wie der Islamische Staat, der jetzt im Bodenkampf in Syrien und dem Irak besiegt wurde, hoffen ohne Zweifel, das Schicksal der Rohingya zu nutzen, um Muslime insbesondere in Asien für ihre eigenen Ziele zu mobilisieren.

Angesichts der eskalierenden religiösen Spannungen ist nun die regionale Zusammenarbeit gefährdet. Wie kann eine Organisation wie die ASEAN, die bisher den allmählichen Fortschritt bei der Zusammenarbeit in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen gefördert hat, die Tötungen und Vertreibungen religiöser Minderheiten in ihren Mitgliedstaaten bewältigen?

Will man eine geostrategische Katastrophe vermeiden, muss man die unheilige Allianz aus Religion und Nationalismus durchbrechen. Die Vereinten Nationen sollten in dieser Hinsicht eine Führungsrolle übernehmen und sich dafür engagieren, die Rohingya-Krise zu beenden. Über den moralischen Imperativ hierzu hinaus könnte eine erfolgreiche Intervention dazu beitragen, das beschädigte Image der multilateralen Institutionen wiederherzustellen. Das Letzte, was die Welt braucht, ist eine weitere politisch gespaltene Region voller gewaltsamer Konflikte.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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