11

Was treibt den moralischen Fortschritt an?

DAVOS – Was wäre, wenn Plato, der Philosoph des antiken Griechenlands, heute mit uns über die Art von Fragen debattieren würde, die er damals als erster stellte und die uns heute noch beschäftigen? Meiner Ansicht nach würde er viele neue Fragen stellen – darunter solche über unsere immer psychologischere Herangehensweise an philosophische Diskussionen.

Wahrscheinlich würde Plato ein weltweit führendes Technologiezentrum besuchen: die kalifornische Google-Zentrale. Dort könnte er beispielsweise mit Software-Entwicklern darüber diskutieren, ob ethische Fragen durch Crowdsourcing beantwortet werden können. Eine derart platonische und abstrakte Idee wie die der Informations-Cloud würde er wahrscheinlich lieben, und Google wäre für ihn das ideale Werkzeug, sein Wissen über die enormen wissenschaftlichen und technischen Fortschritte der letzten beiden Jahrtausende aufzufrischen.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Aber am meisten wäre Plato wahrscheinlich über den moralischen Fortschritt der Welt begeistert. Immerhin war er der Ansicht, „Philosophen“ sollten auch die Verantwortung für moralische Reformen übernehmen. Aber obwohl Ethik und Moral immer im Mittelpunkt seines Denkens standen, kamen ihm viele der moralischen Wahrheiten, die wir heute für selbstverständlich halten, nie in den Sinn.

Obwohl er beispielsweise dagegen war, griechische Bürger zu Sklaven zu machen, tolerierte er – wie alle Griechen in der Antike – die Versklavung von „Barbaren“ (Nicht-Griechen). Heute dagegen könnte sogar ein entschiedener Nichtphilosoph – wie Platos „Medienbegleiter“ – leicht erklären, warum Sklaverei falsch ist: „Ein Mensch ist ein Mensch. Jedes menschliche Leben ist gleich wichtig.“

Wie offensichtlich diese Schlussfolgerung auch sein mag: Um dorthin zu kommen, hat die Welt Jahrtausende gebraucht – und ist in vielen Bereichen immer noch nicht ganz angekommen. Trotzdem können wir heute gemeinsam auf unsere Sklaven haltenden, Frauen schlagenden, Kinder missbrauchenden, Ketzer verbrennenden und Kolonien gründenden Vorfahren zurück blicken und uns fragen, warum sogar die moralischsten von ihnen nicht erkennen konnten, dass man sich so nicht verhalten darf. Wie konnte es zu diesem Fortschritt kommen?

Plato hielt moralischen Fortschritt in erster Linie für einen durch vernünftige Argumente geförderten intellektuellen Prozess – ein Standpunkt, dem viele einflussreiche Moralphilosophen von Baruch Spinoza über Immanuel Kant bis hin zu John Rawls und Peter Singer zustimmten. Aber viele andere Philosophen lehnen die Autokratie der Vernunft im moralischen Leben der Menschen ab und stimmen mit der Aussage David Humes überein, die Vernunft als solche sei „völlig inaktiv“.. Sie glauben, kein rein abstraktes Argument könne uns dazu bringen, etwas zu tun, was wir nicht tun wollen.

Wenn vernünftige Argumente uns nicht bewegen, was sonst? Eine einfache Antwort drängt sich auf: die Emotionen.

Moralische Emotionen, darunter hauptsächlich die Empathie, können erreichen, was keine blutleere rationale Folgerung leisten kann: Sie können uns die Erfahrung Anderer fühlen lassen – und den Wunsch, sie in Betracht zu ziehen. Je mehr wir fühlen, desto mehr Mitgefühl können wir haben – und desto moralischer wird unsere Motivation. Kurz gesagt, wird der moralische Fortschritt durch ein stärkeres Einfühlungsvermögen angetrieben.

Mit diesem Schwerpunktwechsel von der Vernunft hin zur Emotion wird die Moralphilosophie immer stärker durch die Moralpsychologie ersetzt, die durch die Übernahme von Ideen aus der Evolutionsbiologie immer mehr über die menschliche Natur und unser moralisches Leben zu sagen hat. Alles wird auf die natürliche Auslese zurückgeführt.

Moralische Emotionen wie Empathie sind ebenso wie unser aufrechter Gang und unsere gegenüber liegenden Daumen Ergebnis eines blinden Anpassungsvorgangs. Solche Eigenschaften entstehen in Arten durch die Verbreitung bestimmter Gene. Wir Menschen sind gegenüber denjenigen am empathischsten, mit denen wir den höchsten Anteil an Genen gemeinsam haben: unseren Kindern, unseren Eltern, unseren Geschwistern und, in geringerem Maße, unserer erweiterten Familie und unserem Stamm. Unsere Empathie ihnen gegenüber kann uns sogar dazu führen, Opfer zu bringen, die unser individuelles Überleben gefährden, aber unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung unserer gemeinsamen Gene absolut sinnvoll sein können.

Natürlich ist Empathie nicht der einzige Teil unserer ererbten Natur, der unser Verhalten gegenüber anderen bestimmt. In der Tat gibt es auch eine überzeugende evolutionäre Erklärung für Fremdenfeindlichkeit.

Menschen stammen von Primaten ab, die Gemeinschaften bildeten, welche sich gemeinsam um ihr Überleben kümmerten. Angesichts der offensichtlichen Nützlichkeit eines größeres Gebiets zum Jagen und Sammeln wurden Außenseiter als Feinde behandelt – insbesondere solche, die Anzeichen einer großen genetischen Abweichung trugen. In diesem Sinne war die Sichtweise des „wir gegen andere“ für die menschliche Evolution ein entscheidender Faktor, der immer noch unsere Interaktionen formt.

Ebenso wie sowohl Empathie als auch Fremdenfeindlichkeit durch natürliche Auslese erklärt werden können, können beide auch durch kulturelle Faktoren beeinflusst werden. Können sie aber beide denselben Anspruch darauf erheben, moralische Emotionen zu sein?

Innerhalb des strikten Gebiets der Moralpsychologie trifft das zu. Immerhin liefert eine psychologische Interpretation der Geschichte unserer moralischen Entwicklung keine Grundlage dafür, dass wir eine natürliche Neigung dämpfen und eine andere fördern sollten.

Aber die Moralpsychologie muss hier nicht das letzte Wort haben. Es gibt keinen Grund dafür, warum wir nicht auch der Moralphilosophie folgen können: Moralpsychologie zur Erklärung dessen, warum moralischer Fortschritt sowohl möglich als auch schmerzhaft langsam ist, und Moralphilosophie, um zu klären, was moralischer Fortschritt eigentlich ist und in welche Richtung er gehen sollte.

Wir sind vernünftige, absichtsvoll handelnde menschliche Wesen, und unser Schicksal wird nicht von unseren Genen bestimmt. Die Erklärungskraft der Verhaltenswissenschaften sollten uns nicht zu dem Glauben verleiten, moralischer Fortschritt sei vorherbestimmt.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Die Psychologie liefert uns nur eine begrenzte Erklärung, die unsere bisherigen moralischen Fortschritte und die harte argumentative Arbeit dafür, solche Fortschritte auch in Zukunft zu ermöglichen, außer Acht lässt. Plato würde eine solche Ansicht ablehnen. Und wir sollten es ihm gleichtun.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff