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IT schürt die Wohlstands- und Einkommensungleichheit

STANFORD – Seit über 30 Jahren nehmen Wohlstands- und Einkommensungleichheit in den Industrieländern, insbesondere in den Vereinigten Staaten, zu, die (inflationsbereinigten) Reallöhne stiegen schleppend und Rentner waren mit rückläufigen Zinsen auf ihre Ersparnisse konfrontiert. Das alles geschah während Unternehmensgewinne und Aktienkurse drastisch anstiegen. Jetzt zeigen von mir durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen, dass diese Veränderungen in erster Linie durch den Aufstieg der modernen Informationstechnologie (IT) verursacht wurden.

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Die Informationstechnologie hat die Wirtschaft auf unzählige Arten beeinflusst: Computer, Internet und Mobiltechnologie haben Medien, den Online-Einzelhandel, die pharmazeutische Industrie und unzählige andere verbraucherbezogene Dienstleistungen verändert. Informationstechnologie verbesserte das Leben enorm.   

Doch die Ausbreitung der Informationstechnologie war aufgrund des von ihr ermöglichten Aufstiegs der Monopolmacht und der Schaffung von Zugangsbarrieren auch mit wesentlichen negativen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Begleiterscheinungen verbunden, darunter auch die Verbreitung von „Fake News.“  

Zunächst erlaubt schon die Struktur des IT-Sektors die Bildung von Monopolmacht. Die Informationstechnologie verbesserte die Verarbeitung, Speicherung und Übermittlung von Daten und Innovatoren im IT-Bereich sind die alleinigen Eigentümer wichtiger Informationskanäle, deren Nutzung durch Konkurrenten sie aktiv verhindern.  

IT-Unternehmen könnten ihre Monopolmacht durch Patente oder mittels Urheberrechtsschutz für ihr geistiges Eigentum schützen. Allerdings erfordern diese Methoden die Veröffentlichung von Geschäftsgeheimnissen. Aus strategischen Gründen verzichten also viele Firmen auf rechtlichen Schutz und bauen eine vorherrschende Marktstellung aus, indem sie laufend Software-Aktualisierungen herausbringen, die standardmäßig als Hindernisse dienen, die Konkurrenten nur schwer überwinden können. Wenn potenziell neue Technologien entstehen, kaufen größere Firmen ihre Herausforderer vielfach auf, um entweder die Konkurrenz-Technologie selbst weiterzuentwickeln oder um der kleineren Firma das Wasser abzugraben.

Sobald ein innovatives Unternehmen seine Plattform-Dominanz begründet hat, wird Größe zu einem Vorteil. Weil die Kosten der Verarbeitung und Speicherung von Information in den letzten Jahren gesunken sind, hat ein Unternehmen mit einem Größenvorteil weniger operative Kosten und die Gewinne steigen rapide an, da sich die Anzahl der Nutzer vervielfacht (Google und Facebook sind gute Beispiele). Diese Kosten- und Skalenvorteile sind von den Konkurrenten fast nicht zu aufzuholen.

Hinzu kommt: Weil diese Unternehmen ihre Macht aus Information ableiten, wird ihre Stellung noch aufgewertet, da sie über die Möglichkeit verfügen, sich der privaten Informationen ihrer Nutzer als strategischen Vorteil zu bedienen. Tatsächlich handelt es sich bei vielen IT-Plattformen nicht um Hersteller im traditionellen Sinn; vielmehr sind sie öffentliche Versorgungsunternehmen, die in diversen Bereichen die Koordination und Verbreitung von Information ermöglichen. Kurzum: Informationstechnologie ermöglicht die Errichtung von Barrieren für den Markteintritt und nutzt führenden Unternehmen, sich noch stärker zu verankern. Mit dem steigenden Tempo der Innovation im Bereich IT wächst auch die Monopolmacht.

In einer jüngst veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Monopolmacht errechnete ich im Näherungsverfahren Normalwerte, über denen Gewinne oder Aktienkurse keine zufälligen Ereignisse mehr waren, sondern eine Abbildung der Monopolmacht. Unter Verwendung dieser Werte ermittelte ich die – von mir als „Monopolvermögen“ bezeichnete - Monopolkomponente der gesamten Börsenwerte sowie der Monopolgewinne und –renten. Anschließend versuchte ich zu bestimmen, wie sich Monopolvermögen und –renten entwickelten. 

Die nachstehende Graphik zeigt das Monopolvermögen als Prozentsatz des gesamten Börsenwertes zwischen 1985 und 2015. Aus den Daten geht hervor, dass es in den 1980er Jahren kein Monopolvermögen gab. Aber mit der Entwicklung der IT-Branche stieg das Monopolvermögen dramatisch; im Dezember 2015 erreichte es einen Wert von 82 Prozent des gesamten Börsenwertes – und entspricht damit einer Summe von etwa 23,8 Billionen Dollar. Dabei handelt es sich um zusätzliches Vermögen aus steigender Monopolmacht und es wächst weiter.

Um den Prozentsatz des Monopolvermögens in Relation zu stellen, bedenke man den damit verbundenen drastischen Anstieg des Fremdkapitals der Unternehmen. Im Jahr 1960 lag der Prozentsatz aller mit Fremdkapital finanzierten Aktiva der Unternehmen unter 20 Prozent. Bis 2015 war dieser Anteil auf etwa 80 Prozent gestiegen und das heißt, dass das meiste Kapital der Konzerne heute im Besitz von Anteilseignern steht oder von ihnen gehandelt wird. Mit anderen Worten: die Anleger haben sich darauf verständigt, die Unternehmensschulden unter Nutzung des Monopolvermögens als Sicherheit zu finanzieren und der überwiegende Teil des Börsenhandels kann deshalb als gehandeltes Eigentum an Monopolvermögen betrachtet werden.

Wie aus der Tabelle ersichtlich, haben neun der zehn Firmen mit dem höchsten Monopolvermögen im Dezember 2015 einen Bezug zu Informationstechnologie, wobei der Schwerpunkt auf mobiler Kommunikation, sozialen Medien, Online-Handel und Medikamenten liegt. In ähnlicher Weise wird das meiste Monopolvermögen unter den 100 Spitzenunternehmen von Unternehmen geschaffen, die eine Umgestaltung durch die Informationstechnologie erfuhren.

Bei den von Unternehmen mit einer Monopolstellung erwirtschafteten Einkommen werden drei Arten unterschieden: Einkommen aus Arbeit, Zinserträge aus Kapital und Monopolgewinne. Aus den Daten geht hervor, dass Monopolgewinne in den 1970er und frühen 1980er Jahren vernachlässigbar waren. Doch seit 1984 ist der Anteil der Monopolgewinne stetig gestiegen und erreichte im Jahr 2015 23 Prozent der von amerikanischen Unternehmen erzielten Gesamtgewinne. Das heißt, während der drei Jahrzehnte vor 2015 sorgte die Monopolmacht für einen Rückgang der kombinierten Anteile der Löhne und normaler Zinserträge aus Kapital um 23 Prozent.

Steigende Produktivität und Kapitalakkumulation lassen zwar Löhne und Kapitaleinkommen steigen, aber aufgrund der Monopolmacht sinken diese Einkommensanteile. Das erklärt teilweise, warum im Zeitraum von 1985 bis 2015 die Löhne nur schleppend wuchsen und Rentner mit sinkenden Zinssätzen für ihre Ersparnisse konfrontiert waren.

Warum aber sorgte die steigende Monopolmacht auf dem IT-Sektor für die Konzentration der Einkommen und Gewinne in einem kleineren Personenkreis und führte zu einem Anstieg der persönlichen Einkommen und der Wohlstandsungleichheit?

Ein Teil der Antwort besteht darin, dass wachsende Monopolmacht die Unternehmensgewinne steigen ließ und den Aktienkursen dramatischen Aufwind verlieh. Die daraus erzielten Gewinne kamen einem kleinen Kreis an Aktionären und Firmenmanagern zugute. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass viele IT-Unternehmer zu Beginn ihrer Karriere jung waren und begrenzt Aktien besaßen, bedarf es einer differenzierteren Erklärung.

Seit den 1980er Jahren sind Innovationen im IT-Bereich weitgehend softwarebasiert, wodurch junge Innovatoren über einen Vorteil verfügen. Zudem sind „Machbarkeitsstudien“ für Software-Innovationen typischerweise kostengünstig (außer im Falle von Arzneimitteln). Mit bescheidenem Kapital können also Innovatoren im IT-Bereich ihre Ideen testen ohne damit einen erheblichen Teil ihrer Aktien abzutreten. Infolgedessen sorgen Innovationen im IT-Bereich dafür, dass sich der Wohlstand auf weniger – und oftmals jüngere – Personen konzentrierte.

Das war im 20. Jahrhundert nicht der Fall, als bedeutende Innovationen in führenden Sektoren wie in der Automobilwirtschaft umfangreiche Investitionen von Risikokapital erforderten. Da mehr Investoren gebraucht wurden, verteilte sich auch der geschaffene Wohlstand auf einen erweiterten Kreis.  

Es besteht noch kein hinlängliches Verständnis der negativen Begleiterscheinungen der Informationstechnologie und es bedarf dringend einer öffentlichen Diskussion über die Regulierung des Sektors. Drei Überlegungen sind dabei von entscheidender Bedeutung. Erstens: da der größte Teil der technologiebasierten Monopolmacht nicht gegen bestehende Kartellgesetze verstößt, erfordert die Regulierung des IT-Sektors neue Maßnahmen zur Schwächung von Monopolen. Für die Regulierung neuer öffentlicher Informationskanäle wie sozialer Netzwerke sind auch neue Konzepte im Bereich öffentliches Interesse erforderlich. Zweitens wird man die standardmäßigen Definitionen von Unternehmensgewinnen und Vermögensbesteuerung anpassen müssen, um der Monopolmacht der IT-Unternehmen Rechnung zu tragen. Und drittens sollten Gesetze, die zum Schutz privater Informationen gedacht waren, überarbeitet werden, um sicherzustellen dass IT-Unternehmen nicht mehr in der Lage sind, von deren Ausnutzung und Manipulation zu profitieren.

Vor allem aber muss die Öffentlichkeit ein tiefgreifenderes Verständnis der wirtschaftlichen Auswirkungen der Informationstechnologie entwickeln, insbesondere im Hinblick auf die Frage, wie Technologien, die das Leben so vieler verbesserten, nur so wenigen zu Reichtum verhalfen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/lpsq6Bc/de;

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