0

Modelle psychischer Erkrankungen

Dienstleistungen im Bereich der psychischen Gesundheit basieren weitgehend auf der Annahme, dass Aufgeregtheit oder Disorientierung Krankheiten sind wie andere Krankheiten auch. Hier in Australasien haben wir diese Sichtweise aus dem Ausland übernommen und von Maoris und Aborigines verfolgte, stärker holistisch ausgerichtete Ansätze in Bezug auf psychisches Leid aktiv unterdrückt. Wir taten dies, obwohl zahlreiche Studien belegen, dass die Gesundungsraten bei „Geisteskrankheiten“ in „unterentwickelten“ Ländern deutlich höher liegen als in „fortschrittlichen“ Gesellschaften.

Mehr und mehr Probleme werden heutzutage zu angeblich durch genetische Veranlagung und biochemische Ungleichgewichte verursachten „Funktionsstörungen“ oder „Krankheiten“ umdefiniert. Lebensereignisse werden zu bloßen Auslösern einer unterschwelligen biologischen Zeitbombe abgewertet.

 1972 Hoover Dam

Trump and the End of the West?

As the US president-elect fills his administration, the direction of American policy is coming into focus. Project Syndicate contributors interpret what’s on the horizon.

Traurigkeit ist damit zu einer „depressiven Störung“ geworden. Übermäßige Besorgtheit ist eine „Angststörung“. Wer peinlich schüchtern ist, leidet unter einer „selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung“, und wer andere zusammenschlägt, an einem „Wutsyndrom“. Auch exzessives Glücksspiel, Trinken, Einnehmen von Drogen oder Essen sind Krankheiten; und dasselbe gilt, wenn jemand zu wenig isst, schläft oder Sex hat. Unser Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und statistisches Handbuch der geistigen Störungen) umfasst 886 Seiten von derartigen Krankheiten. Ungewöhnliche oder unerwünschte Verhaltensweisen werden „Symptome“ genannt und die verwendeten Etiketten „Diagnosen“.

Auch unseren Kindern werden Etiketten angehängt. Wer schlecht in Mathe ist, hat eine „Rechenstörung“. Die Gefühle anderer Menschen zu ignorieren (einst als Ungezogensein bezeichnet), bedeutet, dass das Kind unter einer „Störung des Sozialverhaltens“ leidet. Geht dies mit dem Ärger auf Erwachsene einher, wird ihm oder ihr (normalerweise ihm) ein „oppositionelles Trotzverhalten“ attestiert.

Eine „Diagnose“, die viel öffentliche Aufmerksamkeit genießt, sind „Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen“. Die dazugehörigen „Symptome“ umfassen Zappeligkeit, das Verlieren von Sachen, übermäßiges Reden sowie Schwierigkeiten dabei, leise zu spielen oder sich dabei abzuwechseln. Natürlich haben manche Kinder manchmal Probleme. Aber ist irgendjemand da, der ihnen hilft? Möglicherweise verschleiern solche das Problem allein beim Kind verortenden Diagnosen manchmal die Ursachen – und das Kind wird dann als Folge häufig stigmatisiert.

Tatsächlich ist das Aufstellen von Listen von Verhaltensweisen, das Anheften medizinisch klingender Etiketten an Menschen, die diese aufweisen, und die Verwendung des Vorliegens derartiger Verhaltensweisen als Beleg, dass die betreffende Person die fragliche Krankheit hat, wissenschaftlich betrachtet unsinnig: Es sagt nichts über Ursachen oder Lösungen aus.

Wie konnte sich dieser simplizistische, eindeutig unwissenschaftliche und häufig schädliche Ansatz derart durchsetzen?

Erstens ist es verführerisch, sich vor der Auseinandersetzung mit den schmerzlichen Ereignissen in unserem Leben zu drücken, die die Ursache unserer Schwierigkeiten sein könnten. Wenn wir die angebotene Diagnose einfach annehmen, hat niemand Schuld. Niemand muss sein Verhalten ändern – außer dass man Tabletten nimmt. Wir hatten einfach das Pech, die betreffende „Krankheit“ zu haben.

Zweitens sind Modelle individueller Pathologien für unsere Politiker von unschätzbarem Wert: Sie brauchen kein Geld für Vorsorgeprogramme auszugeben, um psychosoziale Probleme – übergroßen Stress, Armut, Diskriminierung, Kindesvernachlässigung und -missbrauch und Einsamkeit, um nur einige zu nennen – zu bekämpfen, die, wie Forschungsergebnisse wiederholt gezeigt haben, eine wichtige Rolle bei der Unterminierung der geistigen Gesundheit spielen.

Drittens haben aufregende Entwicklungen bei den Technologien zur Untersuchung unserer Gehirne und Gene Hoffnungen geweckt, dass wir dabei sind, den biologischen Ursachen und Lösungen für menschliches Elend und menschliche Verwirrung auf die Spur zu kommen.

Und schließlich ist ein neuer Akteur Eingang gefunden in die Nature-Nurture-Debatte gefunden: Angetrieben von unserem Sehnen nach Patentlösungen, hat die pharmazeutische Industrie ihren beträchtlichen Einfluss wirksam geltend gemacht, um die Vorstellung von „Störungen“ und „Krankheiten“ in allen Bereichen unseres Lebens zu verankern. Grundlegendes Ziel der Arzneihersteller ist es, für ihre Aktionäre Gewinne zu erwirtschaften. Ganz klar also, dass sie uns ermutigen, es als eines chemischen Heilmittels bedürfende Krankheit zu diagnostizieren, wenn wir zu viel (oder zu wenig) essen, schlafen oder fühlen.

Nachdem ich mehr als 20 Jahre lang Menschen zugehört habe, die das Unglück hatten, dass man ihnen das Etikett „Schizophrenie“ angehängt hat – jene Form von „Geisteskrankheit“, die als die schwerwiegendste gilt – und nachdem ich anschließend zehn Jahre lang die Ursachen von Halluzinationen und Wahnvorstellungen erforscht habe, bin ich zu der Ansicht gelangt, dass die Öffentlichkeit den Wahnsinn besser durchschaut als wir Experten.

Untersuchungen zur öffentlichen Meinung weltweit zeigen: Die meisten Menschen glauben, dass emotionale Probleme – einschließlich solcher, die wie das Hören von Stimmen als gravierend eingestuft werden – primär durch uns zustoßende schlimme Dinge verursacht werden statt durch defekte Gehirne oder Gene. Die Öffentlichkeit bevorzugt außerdem psychosoziale Ansätze wie Gespräche und Beratung gegenüber Medikamenten, Elektroschocks oder der Einweisung in Nervenheilanstalten.

Einige Experten freilich tun diese Ansichten als „Analphabetentum im Bereich der geistigen Gesundheit“ ab. Sie beharren weiter darauf, dass Geisteskrankheiten Krankheiten wie alle anderen seien – obwohl durch zahlreiche Studien belegt wird, dass wir umso vorurteilsbehafteter und ängstlicher werden, je mehr wir uns dieses Modell zu Eigen machen.

Angebote im Bereich der psychischen Erkrankungen sollten mehr umfassen als lediglich die chemische Unterdrückung unserer Gefühle oder die Ruhigstellung unserer Kinder durch Amphetamine (die, abgesehen davon, dass sie die Kinder lehren, dass Probleme sich am besten durch Drogen lösen lassen, das jährliche Wachstum um durchschnittlich einen Zentimeter pro Jahr hemmen).

Fake news or real views Learn More

Es stehen eine Vielzahl von wirksamen Behandlungsformen zur Verfügung, die keine Gewichtszunahmen, sexuellen Funktionsstörungen, Diabetes, Gedächtnisverluste oder Suchterscheinungen verursachen. Träger und politische Entscheidungsträger, die sich in Bezug auf die einschlägigen Studien auf dem Laufenden halten, beginnen langsam, mehr Gesprächstherapien (wie etwa kognitive Verhaltenstherapie und traumafokussierte psychologische Beratung), Alternativen zur Einweisung in Heilanstalten, kulturell angemessenere Leistungen und familienfokussiertere Therapien einzuführen und, was am wichtigsten ist, verstärkt echte Rücksprache mit den Behandelten darüber abzuhalten, was tatsächlich funktioniert.

Dass diese neuen Behandlungsweisen nicht häufiger zum Einsatz kommen, liegt nicht daran, dass sie nicht funktionieren. Das größte Hindernis dabei ist, dass sie nicht zur Steigerung der Gewinne der Arzneimittelhersteller beitragen, von denen unsere Fachorganisationen, Konferenzen, Fachzeitschriften, Forschungs- und Lehrinstitute inzwischen – in Ermangelung angemessener staatlicher Förderung – so abhängig sind.