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Das unterschätzte Risiko der Infektionskrankheiten

NEW YORK – Internationale Manager und Investoren blicken derzeit gebannt auf zwei Arten von Risiken: makroökonomische und geopolitische. Kurzfristig bedeutet dies, dass man sich auf die bevorstehenden Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Federal Reserve und die demnächst stattfindenden Wahlen in Frankreich und Deutschland konzentriert. Längerfristig heißt es, dass man das Augenmerk auf strukturelle Risiken wie hohe Staatsverschuldung, demographische Verschiebungen und Knappheit natürlicher Ressourcen legt. Allerdings besteht ein drittes, wohl noch gravierenderes Risiko, das sich unter dem Radar der meisten Entscheidungsträger verbirgt: Infektionskrankheiten.

Tom Frieden, ehemaliger Chef der amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention, ist der Ansicht, die Gefahr aufgrund globaler Bedrohungen der Gesundheit sei höher als jemals zuvor. Heute reisen die Menschen über größere Entfernungen und sie tun dies auch häufiger. Lieferketten, auch im Bereich Nahrungsmittel und Medikamente, erstrecken sich über die ganze Welt. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass sich ein in Asien oder Afrika unzureichend behandelter Fall von Tuberkulose innerhalb weniger Tage in einem Krankenhaus in den Vereinigten Staaten wiederfindet.

Vor diesem Hintergrund zeigen sich Wissenschaftler besorgt über den jüngsten Anstieg von Epidemien wie Zika, Ebola und Vogelgrippe. Darüber hinaus ist man alarmiert angesichts des Wiederauftretens lebensbedrohlicher Krankheiten wie Influenza, HIV, Malaria und Tuberkulose.  

Freilich liegen die jüngsten Krankheitsausbrüche und Pandemien im Hinblick auf Opferzahlen weit hinter den weltweiten Grippe-Epidemien der Vergangenheit. Während die SARS-Epidemie des Jahres 2003 774 Todesopfer forderte und in den Jahren 2014-2015 11.310 Menschen dem Ebola-Virus zum Opfer fielen, starben während der Grippe-Epidemie der Jahre 1918-1920 100 Millionen Menschen – mehr fünfmal so viele wie im Ersten Weltkrieg, der gerade zu Ende gegangen war. Tatsächlich erlagen damals etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung der Grippe.

Doch das heute bestehende Risiko aufgrund von Infektionskrankheiten könnte sich durch den Anstieg antimikrobieller Resistenzen (AMR) noch erheblich verschärfen. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation „entwickeln jedes Jahr 480.000 Menschen eine multiresistente Tuberkulose, und Arzneimittelresistenzen beginnen den Kampf gegen HIV und Malaria zu erschweren.“ Antibiotikaresistenzen, so warnt die WHO, kommen in allen Ländern vor und sie bergen die Gefahr schlechterer klinischer Heilungserfolge sowie eines höheren Sterberisikos, während sie gleichzeitig die Gesundheitssysteme in höherem Maße belasten.

Die leitende medizinische Regierungsberaterin für England, Sally Davies, warnte, dass die zunehmende Wirkungslosigkeit von Arzneimitteln katastrophale Folgen haben könnte, wenn nichts dagegen unternommen wird. Im Jahr 2050, so ihre Schätzung, könnte „alle drei Sekunden“ ein Mensch einer arzneimittelresistenten Infektion zum Opfer fallen. Das Expertengremium Review on AMR schätzt, dass zu diesem Zeitpunkt pro Jahr etwa zehn Millionen Menschen ihr Leben verlieren könnten, wobei die kumulierten Kosten hinsichtlich der weltweiten wirtschaftlichen Produktion womöglich bei 100 Billionen Dollar liegen. Zum Vergleich: heute beträgt das weltweite BIP 74 Billionen Dollar jährlich.  

Dennoch wird das Ausmaß der potentiellen langfristigen menschlichen und wirtschaftlichen Folgen antimikrobieller Resistenzen von der Öffentlichkeit und insbesondere von den Finanzmärkten nicht wirklich wahrgenommen. Der Schutz vor Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit ist tatsächlich ein entscheidender Bereich, in dem Märkte nicht effizient arbeiten. Aus diesem Grund trägt in der Regel der Staat die Kosten von Prävention und Behandlung.

Angesichts ohnehin schon überlasteter staatlicher Haushalte wird sich die Bewältigung der wachsenden Belastung des Gesundheitsbereichs aufgrund antimikrobieller Resistenzen, gelinde gesagt, schwierig gestalten. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Regierungen rasche Maßnahmen zur Senkung der Risiken ergreifen. Im Gegenteil: die Erfahrung lehrt, dass sich Regierungen vielfach schwer tun, öffentliche Ausgaben an tieferliegende oder wachsende Probleme wie den Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit anzupassen, bis tatsächlich eine Krise eintritt.

In den USA starben im letzten Jahr mehr Menschen an Krebs als in kriegerischen Auseinandersetzungen. Tatsächlich übersteigen die 580.000 Krebstoten des letzten Jahres jene etwa 430.000 Todesfälle, die die Vereinigten Staaten jeweils durchschnittlich im Ersten und Zweiten Weltkrieg, im Koreakrieg, Vietnamkrieg und im Golfkrieg zu beklagen hatten. Die öffentlichen Ausgaben für Krebs liegen im Schnitt bei etwa 4 Milliarden Dollar jährlich. Dieser Wert entspricht nur etwas mehr als 0,5 Prozent des jährlichen Militärbudgets von ungefähr 718 Milliarden Dollar.

Natürlich gestalten sich Entscheidungen bei staatlichen Budgetzuweisungen kompliziert und richten sich nach politischen Sachzwängen. Das US-Militär beschäftigt etwa drei Millionen Menschen und ist damit der größte Arbeitgeber der Welt, wodurch aus manchen Wählerschichten erheblicher politischer Druck entsteht, Amerikas militärischer Vorherrschaft oberste Priorität einzuräumen.

Allerdings geht es nicht nur um die Höhe der Ausgaben, sondern auch um den Zeitpunkt, zu dem sie getätigt werden. Die Regierungen warten mit ihren Investitionen in das Militär nicht, bis ein Krieg ausbricht. Doch im Kampf gegen Infektionskrankheiten besteht die Tendenz zu warten, bis die Krise eintritt.  

Weltweit gab man 15 Milliarden Dollar für Notfallmaßnahmen als Reaktion auf die SARS-Epidemie aus. Im Falle von Ebola lag der entsprechende Betrag bei 40 Milliarden Dollar. Im Jahr 1918 beliefen sich die Ausgaben für Krisenmaßnahmen während der Grippe-Pandemie auf ungefähr 17,5 Billionen Dollar. Hätten die Länder mehr in die Abmilderung des Risikos derartiger Krankheitsausbrüche investiert – beispielsweise durch die Stärkung ihrer Gesundheitssysteme und die Förderung eines verantwortungsvollen Umgangs mit Antibiotika – hätte es dieser enormen Summen nicht bedurft. Zumindest wären sie wahrscheinlich geringer ausgefallen.

In dieser Hinsicht ähnelt der Kampf gegen Infektionskrankheiten sehr dem Kampf gegen den Klimawandel. Obwohl es sich um eine erhebliche Bedrohung handelt, ist sie doch nicht unmittelbarer Natur, weswegen die Regierungen weiter andere Prioritäten verfolgen und die Bedrohung dadurch weitgehend im Verborgenen größer werden lassen. Aus diesem Grund wird sie auf den Märkten auch nicht entsprechend eingepreist.

Erst wenn die Krise letztlich ausbricht, wird das wahre Ausmaß der Bedrohung offensichtlich. Aber an diesem Punkt ist die Eindämmung wesentlich schwieriger und die Opferzahlen liegen weit höher. Leider könnte dieser Zeitpunkt schon früher kommen, als alle – Regierungen oder Anleger – glauben.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier