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Die bevorstehenden Herausforderungen der arabischen Welt

LONDON – Fünfzig Jahre nach dem Sechstagekrieg, der den Beginn der israelischen Besatzung Ostjerusalems und des Westjordanlandes markiert, erscheint der Nahe Osten weiterhin als eine Region in der Dauerkrise. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Politiker, Diplomaten sowie Vertreter aus Geldgeberkreisen und aus dem humanitären Bereich in aller Regel auf das Hier und Jetzt konzentrieren, wenn sie die Probleme der Region ansprechen. Doch wenn es jemals gelingen soll, diesen Krisenzyklus im modernen Nahen Osten zu durchbrechen, dürfen wir die Zukunft nicht aus dem Blick verlieren. Bereits jetzt zeichnen sich vier Trends ab, die im kommenden Jahrzehnt für eine Reihe von Problemen sorgen werden. 

Der erste Trend betrifft die Levante. Die post-osmanische Ordnung, die vor einem Jahrhundert entstand – und auf säkularem arabischem Nationalismus beruhte – ist bereits zerfallen. Die beiden Staaten, die dieses System trugen, der Irak und Syrien, haben ihre zentrale Autorität verloren und werden mindestens über eine Generation politisch zersplittert und sozial polarisiert bleiben. 

Im Libanon bleibt Politik auf Basis religiöser Zugehörigkeiten das definierende Charakteristikum. Jordanien hat im Hinblick auf die Flüchtlingsaufnahme einen Sättigungspunkt erreicht und fortgesetzte Flüchtlingszuströme setzen begrenzte Ressourcen noch stärker unter Druck. Hinsichtlich des israelisch-palästinensischen Konflikts sind auf dem politischen Horizont keinerlei neue Initiativen oder Umstände erkennbar, die eine Lösung des völligen Stillstandes ermöglichen würden.

Der Nahe Osten wird mit Sicherheit mit fortgesetzten Migrationsbewegungen einer großen Zahl an Menschen konfrontiert sein, die sich zunächst in ruhigere Gebiete der Region und in vielen Fällen darüber hinaus – in erster Linie nach Europa – begeben werden. Außerdem dürften der Region auch verstärkt Auseinandersetzungen um nationale Identitäten und vielleicht auch um die Neuziehung von Grenzen bevorstehen – Prozesse, die weitere Konfrontationen auslösen werden.

Der zweite bedeutende Trend betrifft Nordafrika. Die bevölkerungsreichsten Staaten der Region – Algerien, Ägypten und Marokko – werden die sozialen und politischen Ordnungssysteme, die in den letzten sechs Jahrzehnten ihrer postkolonialen Geschichte verankert wurden, beibehalten. Die Herrschaftsstrukturen in diesen Ländern genießen breite Unterstützung in der Bevölkerung sowie auch von einflussreichen Institutionen wie etwa Gewerkschaften und Landwirtschaftsverbänden. Überdies verfügt man über wirksame Druckmittel, die als Schutz für relative Stabilität dienen.  

Doch nichts von alldem garantiert diesen Regierungen ruhiges Fahrwasser. Im Gegenteil: sie müssen sich mit einer massiven Zunahme der jungen Bevölkerung auseinandersetzen, wobei zwischen heute und dem Jahr 2025 über 100 Millionen Menschen unter 30 auf den Arbeitsmarkt in Nordafrika drängen werden. Und die überwiegende Mehrheit dieser jungen Menschen werden als Produkte gescheiterter Bildungssysteme vollkommen unqualifiziert f��r die meisten Jobs sein, die ihnen eine Chance auf soziale Mobilität bieten.

Um diese jungen Araber unterzubringen, eignen sich am besten die Sektoren Tourismus, Bauwesen und Landwirtschaft. Doch ein florierender Tourismussektor ist nicht vorhanden – nicht zuletzt aufgrund der Wiederkehr des militanten Islamismus, der Nordafrika in den kommenden Jahren zu einem Risikogebiet für Terroranschläge machen wird.

Überdies untergraben ein rückläufiger Anteil auf dem europäischen Lebensmittelmarkt und sinkende Investitionen in Immobilien die Chancen junger Arbeitnehmer in der Landwirtschaft und im Bauwesen. Die wahrscheinliche Folge des Überhangs an jungen Menschen in Nordafrika sind erneute soziale Unruhen und potenziell beträchtliche Migrationsströme nach Europa.

Der Golf bot in dieser Hinsicht ein regionales Sicherheitsventil. Über mehr als fünfzig Jahre nahmen Golf-Staaten Millionen Arbeitnehmer, in erster Linie aus der unteren Mittelschicht ihrer arabischen Nachbarländer, auf. Außerdem fungierte der Golf als Hauptquelle für Investitionskapital, von den zig Milliarden Dollar an Geldsendungen in die Herkunftsländer in der Region ganz zu schweigen. Und viele arabische Länder betrachteten die Golfregion auch als Kreditgeber letzter Instanz.

Doch die Ökonomien am Golf – und darin liegt auch der dritte bedeutsame Trend - verzeichnen gerade eine Aufwärtsbewegung und steigen in verschiedenen industriellen Wertschöpfungsketten auf. Das verringert ihre Abhängigkeit von gering qualifizierten ausländischen Arbeitskräften. In den kommenden Jahren ist damit zu rechnen, dass die Golfstaaten weniger Arbeitnehmer aus der restlichen arabischen Welt aufnehmen und weniger Kapital dorthin exportieren werden.

Der Golf könnte sogar zunehmend destabilisiert werden. Mehrere Golfmächte und der Iran sind in einen teilweise religiös motivierten Stellvertreterkrieg im Jemen verwickelt – der nicht so bald zu Ende gehen wird. Und mittlerweile haben sich fünf sunnitische Staaten gegen einen der ihren gewandt, nämlich gegen Katar, das seit einer Generation seine eigene regionale Agenda verfolgt. Der Druck, der sich auf der gesamten südlichen Arabischen Halbinsel aufbaut, könnte zu weiteren politischen Schocks führen.

Umso wahrscheinlicher ist dies angesichts des wachsenden innenpolitischen Reformdrucks einer technologisch versierten und global engagierten Bevölkerung. Die Reform jahrhundertealter sozialer und politischer Strukturen wird ebenso schwierig wie sie notwendig ist.

Der vierte Trend betrifft die gesamte arabische Welt sowie auch den Iran und die Türkei: die gesellschaftliche Rolle der Religion ist zunehmend umstritten. Die Kriege und Krisen der letzten sechs Jahre machten große Teile des Fortschritts zunichte, den der politische Islam in den zehn Jahren vor den Aufständen des so genannten Arabischen Frühlings im Jahr 2011 verzeichnet hatte. Da sich einerseits der Radikalismus zunehmend verankert, andererseits aber junge Muslime mit einem aufgeklärten Verständnis ihrer Religion aufwarten, tobt momentan eine Schlacht um die Seele des Islam.

Für die Spitzenpolitiker innerhalb und außerhalb der arabischen Welt ist es unmöglich, alle mit diesen vier Trends verbundenen Probleme auf einmal zu lösen, insbesondere in einer Zeit des aufsteigenden Populismus und Nativismus im gesamten Westen. Dennoch können und sollten Maßnahmen ergriffen werden. Der Schlüssel besteht darin, sich eher auf sozioökonomische Fragen als auf Geopolitik zu konzentrieren.

Der Westen darf sich keinen Illusionen hinsichtlich der Neuziehung von Grenzen oder der Bildung neuer Länder hingeben; derartige Bestrebungen führen nur zu Katastrophen. Eine vielversprechende Option wäre, einen umfassenden Marschall-Plan für die arabische Welt zu konzipieren. Doch im Zeitalter der Sparpolitik fehlt es vielen westlichen Ländern an Ressourcen und noch viel mehr an öffentlicher Unterstützung für derartige Bemühungen – wobei die meisten Länder der arabischen Welt heute ohnehin nicht das gesamte Potenzial eines derartigen Plans ausschöpfen könnten.

Sehr wohl jedoch kann man – innerhalb und auch außerhalb der Region – umfangreiche und kluge Investitionen in den primären und sekundären Bildungsbereich ebenso tätigen wie in Klein- und Mittelbetriebe (die das Rückgrat arabischer Ökonomien bilden) und in erneuerbare Energiequellen (die die Aufwärtsentwicklung regionaler Wertschöpfungsketten untermauern könnten).

Eine derartige Agenda wird die Auflösung des modernen arabischen Staates in der Levante nicht aufhalten. Sie wird in Nordafrika keine funktionsfähigen Gesellschaftsverträge erzeugen und sie wird mit Sicherheit nicht für die Aussöhnung des Religiösen mit dem Säkularen sorgen. Aber durch den Versuch, sich der sozioökonomischen Frustration der jungen Menschen anzunehmen, kann diese Agenda viele der längerfristigen Folgen dieser Trends abschwächen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier