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Die USA und der Nahe Osten – Lernkurven einer Supermacht

BERLIN – Nach der Wiedereroberung von Mossul im Norden Iraks dürfte sich der „Islamische Staat“ und sein syrisch-irakisches Kalifat wohl bald erledigt haben. Im Nahen Osten wird damit aber nicht der Frieden Einzug halten oder wenigstens die syrische Tragödie beendet werden, wohl aber ein neues Kapitel in der blutigen und zugleich chaotischen Geschichte der Region beginnen. Dass dieses weniger gefährlich und blutig verlaufen wird als die früheren Kapitel dieses langen, nunmehr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang des osmanischen Reiches anhaltenden chaotischen Geschichtsverlaufs darf man mit guten Gründen bezweifeln, denn die Region ist weit davon entfernt, ihre internen Konflikte selbst zu lösen und sich eine belastbare Friedensordnung zu geben, sondern verharrt irgendwo zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert.

Die westliche Politik hat über ein Jahrhundert hinweg, erst mit den beiden europäischen Kolonial- und Siegermächten des Ersten Weltkriegs, Großbritannien und Frankreich (nicht zu vergessen bis zu seinem Kollaps auch das zaristische Russland) und schließlich, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die aufsteigende Welt- und Supermacht USA, begleitet bis auf den heutigen Tag von der anderen Weltmacht Sowjetunion und dem heutigen Russland unter Putin, zu diesem Chaos ganz erheblich beigetragen. Den größten Beitrag zu diesem regionalen Chaos dürfen die USA für sich beanspruchen.

Aber auch der britisch-französische Teilungsplan der Herren Sykes und Picot für den postosmanischen Nahen Osten löst bei seiner Erwähnung noch heute, hundert Jahre danach, eine solche Wut in der arabischen Welt aus, als wäre dieser erst gestern aufgedeckt worden.

Das amerikanische Interesse am Nahen Osten begann mit dem Erdöl, war während des Kalten Krieges sehr schnell ein strategisches (Verhinderung antiwestlicher, moskaufreundlicher Regierungen), wurde dann um die enge Sicherheitspartnerschaft mit Israel ergänzt und führte schließlich über die beiden Golfkriege gegen den Irak Saddam Husseins zu zwei großen Militärinterventionen am Boden.

Auch Afghanistan, wobei nicht eigentlich zur Region gehörend, sei hier nicht vergessen, denn der revolutionäre Krieg unter dem Banner des Dschihad gegen die Besatzungsmacht Sowjetunion transformierte zwei enge Verbündete der USA – Pakistan und Saudi-Arabien – in das genaue Gegenteil, wie am 11. September 2001 und den Jahren danach sichtbar wurde. Taliban und Al Qaida stehen für diese Transformation.

Der erste Krieg um die Befreiung Kuwaits, der nur das begrenzte Ziel der Befreiung des Landes verfolgte und keinen Regimewechsel in Bagdad zum Ziel hatte, verlief noch erfolgreich, sollte aber eine Dekade später zum zweiten Krieg unter dem jüngeren Präsidenten Bush und in eine bis heute anhaltende Katastrophe für die Region führen, denn seine Ziele waren nicht mehr begrenzt. Der Irak sollte durch den Sturz Saddam Husseins und die darauf erfolgende Demokratisierung des Landes eine umfassende Veränderung der gesamten Region herbeiführen. Der Nahe Osten sollte durch diesen Krieg demokratisiert und prowestlich umgestaltet werden, eine imperial-idealistische Strategie fernab der Realität seitens der USA, die den gesamten Nahen Osten nachhaltig destabilisierte und den Aufstieg des Irans als regionalen Hegemon beförderte.

Mit dem absehbaren Ende des Islamischen Staats wird das nächste Kapitel in der Geschichte des Nahen Ostens von einem offenen und in direkter Konfrontation ausgetragen Konflikt um die Vorherrschaft in der Region zwischen der sunnitischen Führungsmacht Saudi-Arabien und der schiitischen Führungsmacht Iran bestimmt werden.

Dies ist ein Konflikt, der zwar seit längerem schwelt, aber bisher verdeckt ablief und meistens über Stellvertreter ausgetragenen wurde. Die in der Region aktiven Weltmächte haben sich in diesem Konflikt bereits klar positioniert: die USA auf Seiten Saudi-Arabiens, Russland unterstützt den Iran.

Die Priorität Anti-Terror-Kampf wird in der Region zunehmend durch diesen Hegemonialkonflikt abgelöst werden. Und mit der Krise um Katar hat dieser Konflikt im Zentrum der Region, dem Persischen Golf, seinen ersten gefährlichen Höhepunkt erreicht.

Eine direkte militärische Konfrontation mit dem Iran würde die gesamte Region in Brand setzen und würde alle bisher bekannten Dimensionen der Kriege im Nahen Osten bei weitem überschreiten. Der Brandherd Syrien noch nicht gelöscht, der Irak noch nicht stabilisiert, sondern ganz im Gegenteil unter iranischer Kontrolle, und solange im Irak der sunnitisch-schiitische Konflikt um die Machtverteilung im Land nicht gelöst ist, wird es mit dem Islamischen Staat, oder wie immer seine neue Gestalt auch heißen mag, nicht vorbei sein.

Zudem hat der irakisch-syrische Großkonflikt die „kurdische Frage“ reaktualisiert. Die Kurden, ein Volk ohne Staat, haben sich als verlässliche Kämpfer gegen den IS erwiesen und wollen ihren neu gewonnenen politischen und militärischen Einfluss nutzen, um Richtung Autonomie oder gar staatlicher Unabhängigkeit voranzukommen. Für die davon betroffenen Staaten, vorneweg die Türkei, aber auch für Syrien, Irak und Iran ist diese Frage ein Casus Belli, denn es geht um ihre territoriale Integrität.

Verbindet man all diese ungelösten Fragen mit der Zuspitzung des Hegemonialkonflikts zwischen den beiden größten und mächtigsten Staaten am Golf und nimmt die internationale Unterstützung für beide Seiten hinzu, so verspricht das nächste Kapitel in der leidvollen Geschichte des Nahen Ostens sich also alles andere als friedlich und ungefährlich zu gestalten.

Die USA haben aus dem Desaster im Irak gelernt, dass sie, trotz weit überlegener militärischer Macht, einen Landkrieg im Nahen Osten nicht gewinnen können, weil sie an den Verhältnissen scheitern. Präsident Obama wollte deshalb den Rückzug, was ganz offensichtlich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in der Politik eine der schwierigsten Übungen ist.

Obama verzichtete auf die Deckung des Rückzugs oder meinte gar, die Nuklearvereinbarung mit dem Iran würde dafür reichen. Deshalb verzichtete er auf eine militärische Intervention – und sei es auch nur aus der Luft – im syrischen Bürgerkrieg. Das dadurch entstehende Vakuum hat Russland kurz entschlossen gefüllt. Die Folgen sind bekannt.

Trump, der ebenfalls mit einer Rückzugsagenda im Wahlkampf angetreten ist, hat mittlerweile mit Cruise Missiles in Syrien interveniert und ist gegenüber Saudi-Arabien und dessen Verbündeten weitgehende Verpflichtungen bei gleichzeitiger verstärkter rhetorischer Konfrontation mit Teheran eingegangen.

Man darf gespannt sein, wie flach oder wie steil die Lernkurve bezüglich des Nahen Ostens in Washington verlaufen wird – zu Optimismus besteht jedenfalls kein Anlass.