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Merkel in China

NEU-DELHI – Der zweite China-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel innerhalb eines Jahres erfolgt vor dem Hintergrund düsterer Prognosen für einen schwierigen September für die Eurozone. Eingedenk derartiger Sorgen und des anhaltenden Pessimismus auf den globalen Finanzmärkten, ergreift Angela Merkel jetzt kühne politische Initiativen im In- und Ausland. Tatsächlich sollte ihr Besuch in China als Maßnahme zur Bekräftigung ihrer Führungsrolle in der Eurozone gewertet werden.

In Deutschland hat Angela Merkel ihren Kritikern gegenüber unlängst unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass Deutschland einen Preis für eine führende Rolle in der Eurozone zahlen muss. Ihre Kollegen hat sie ermahnt, ihre Worte  über einen so genannten „Grexit“ zu wägen – den Austritt Griechenlands aus der Eurozone – und dem griechischen Ministerpräsidenten bei seinem Besuch in Berlin versichert, dass Deutschland Griechenland weiterhin in der Währungsunion halten will.

Es erfordert Mut, eine derart kompromisslose Haltung einzunehmen, und diese Courage hat dazu beigetragen, die Position der Bundeskanzlerin im Inland und in der gesamten Eurozone zu stärken. Es besteht nunmehr kein Zweifel daran, dass sich die deutsche Regierungschefin zum Erhalt der Europäischen Union und der Eurozone bekennt und daran arbeiten wird, dieses Ziel zu erreichen. Wenn es ihr gelingt, wird sie als erstes großes europäisches Oberhaupt des einundzwanzigsten Jahrhunderts hervorgehen.

Diese Haltung lässt darauf schließen, dass Merkel im Wesentlichen die Aussage schätzt, die François Heisbourg, Leiter des Internationalen Instituts für strategische Studien (IISS), in einem unlängst erschienenen Essay getroffen hat: eine föderale Organisation zerfällt nicht, weil es Probleme in der Peripherie gibt, sondern aufgrund eines „Versagens im Kern des Systems“. Merkel hat sich mit der Position arrangiert, die Deutschland innehat – und damit, dass es handeln muss, um die Einheit des Ganzen zu bewahren.