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Ich-Medizin

Francis Collins, Direktor der US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health, führt uns in seinem neuen Buch The Language of Life – DNA and the Revolution in Personalized Medicine durch diesen Umbruch. Wie er es ausdrückt, stehen wir „kurz vor einer wahren Revolution in der Medizin, einer Revolution, die verspricht, den traditionellen Ansatz der ‚Einheitsgröße für alle’ in eine wesentlich überzeugendere Strategie umzuwandeln, die jeden Einzelnen als einzigartiges Wesen betrachtet, das mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet ist, und diese sollten den Leitfaden zur Erhaltung der persönlichen Gesundheit bilden. Doch muss man bereit sein, diese neue Welt anzunehmen.“

Diese richtungsweisende Veränderung hin zur personalisierten Genmedizin verspricht, jedem von uns Einblick in unsere ureigenste Identität – unser genetisches Selbst – zu gewähren und uns am Elixier des Lebens in Form von individuell zugeschnittenen Tests und Medikamenten nippen zu lassen. Doch können wir diesen Versprechungen wirklich Glauben schenken?

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Die personalisierte Genmedizin ist nicht die einzige wichtige neue Entwicklung. Kommerzielle Unternehmen, wie private Blutbanken, bauschen die Einmaligkeit des Nabelschnurbluts von Babys auf. Enhancement-Technologien wie die tiefe Hirnstimulation – „Botox fürs Gehirn“ – verbreiten die Vorstellung, man hätte die Pflicht, das bestmögliche „Ich“ zu sein. Tatsächlich geht es in der modernen Biotechnologie immer mehr um „Ich“-Medizin, die angebliche Verschiedenheit der einzelnen Patienten dient dabei als „Marke“.

Doch bleiben alle diese Technologien mehr Hype als Realität – und manchmal gefährlicher Hype. Individuelle Gentests werden derzeit vom US-Kongress und der amerikanischen Arzneimittelbehörde US Food and Drug Administration unter die Lupe genommen, da sie die Kunden zu dem Glauben verleiten, wir wüssten viel mehr über den Zusammenhang zwischen bestimmten Genen und der Wahrscheinlichkeit, an bestimmten Leiden zu erkranken, als tatsächlich der Fall ist.

Ebenso ist erwiesen, dass privat konserviertes Nabelschnurblut klinisch weniger wirksam ist als das öffentlich von Blutbanken gesammelte Blut, was zu zwei skeptischen Berichten führender Geburtshelferverbände geführt hat, die vor einer routinemäßigen Konservierung des Nabelschnurbluts bei der Geburt warnen. Zudem stehen Enhancement-Technologien, die uns angeblich in „transhumane“ Wesen verwandeln können, stark im Fokus der Öffentlichkeit, bleiben in weiten Teilen jedoch reine Spekulation.

Die Anerkennung für die größten Fortschritte im Hinblick auf die menschliche Gesundheit und Langlebigkeit in den letzten zwei Jahrhunderten gebührt der „Wir“-Medizin, nicht der „Ich“-Medizin. Gesundheits- und Hygieneprogramme, Polio- und Pockenimpfungen sowie Tuberkulosetests in Schulen und am Arbeitsplatz haben am meisten zu besserer Gesundheit in der westlichen Welt und anderswo beigetragen.

Doch wenn Eltern sich der Panikmache anschließen, bei der Impfungen im Kindesalter mit Autismus in Verbindung gebracht werden, wenn Experten in den Medien medizinische Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Schweinegrippe verhöhnen oder wenn ein britischer Forscher behauptet, „die Geißel des Alterns ist schlimmer als die Pocken“, bleiben Impfungen, Epidemienprävention und flächendeckende Tests auf der Strecke. Umgekehrt gibt es eine nicht hinterfragte und unbedachte Vorliebe für die „Ich“-Medizin, zum Teil weil sie genau die richtigen Knöpfe in unserer Psyche drückt, die mit der Aufschrift „Entscheidungsfreiheit“, „Individualität“ und „besonders“.

Die neue Biomedizin wurde ursprünglich finanziert und beworben als Initiative für das allgemeine Gesundheitswesen, von der wir alle profitieren würden. Die Hoffnung auf weithin verfügbare Heilmittel war groß, als das Humangenomprojekt – das von einer privaten medizinischen Hilfsorganisation, einem britischen Wissenschaftsrat und der US-Gesundheitsbehörde finanziert wurde – vor zehn Jahren abgeschlossen wurde.

Stattdessen ist ein Fünftel des menschlichen Genoms jetzt mit privaten Patenten belegt, das bedeutet, dass sich Patienten keine Tests für krebserzeugende Gene leisten können und Wissenschaftler keine Fortschritte erzielen können, wenn ein anderes Team die Patente auf die Gene besitzt, die sie untersuchen wollen. Was ist schiefgelaufen?

Die Antwort hat teilweise mit dem Nimbus der Genetik zu tun: der Vorstellung, dass ich mit meinen Genen identisch und deshalb einzigartig bin. Der Nimbus der Genetik macht sich den Individualismus der westlichen Kultur zunutze und scheint ihm eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Außerdem spielen starke kommerzielle Interessen eine Rolle, sodass sich die Forschung häufig auf genetische Zusammenhänge mit Krankheiten konzentriert, deren Diagnose und Behandlung zum größten Profit führt, anstatt weltweit die meisten Tode zu verhindern.

Einige genetisch personalisierte Behandlungen können tatsächlich Zeichen des Fortschritts sein, z. B. die Pharmakogenetik, die eine medikamentöse Behandlung in Aussicht stellt, die an das jeweilige Genom des Patienten angepasst ist. Wenn diese neue Technik funktioniert, könnte sie die schlimmsten Nebenwirkungen der Chemotherapie in der Krebsbehandlung lindern: Onkologen müssten nicht mehr dieselbe Dosis für alle verschreiben, wenn Patienten, die genetisch besser auf das Mittel ansprechen, erkannt und mit geringeren Dosen behandelt werden könnten.

Doch die hohen Entwicklungskosten für neue Medikamente bedeuten, dass die Pharmaunternehmen große Patientenmärkte benötigen, um mit ihren Investitionen Gewinne zu erzielen. Werden ethnische Minderheiten dabei zu kurz kommen?

Eine Zeit lang sah es so aus, als wäre das Gegenteil der Fall, zumal ethnische Minderheiten zur Zielgruppe von Nischenmärkten der Pharmakogenetik wurden. Rassenspezifische Medizin kam 2005 auf, als die FDA das Medikament BiDil genehmigte, das erste Arzneimittel, um eine spezielle Rasse zu behandeln – Afroamerikaner, die an Herzinsuffizienz leiden. Doch gab es keine wirklichen klinischen Nachweise, dass das Medikament bei Afroamerikanern besser wirkte, und so wurde es vom Markt genommen.

Trotzdem haben große Fortschritte wie das Humangenomprojekt die Medizin gewiss „genetisiert“: In der Bevölkerung gibt es die zunehmende Tendenz, sämtliche Krankheiten als genetisch vorbestimmt anzusehen. Und das bedeutet, dass öffentliche Gesundheitsmaßnahmen wahrscheinlich zugunsten individueller genetischer Analysen oder persönlicher Gentests vernachlässigt werden. Gentests können bei richtiger Anwendung Leben retten, doch erzeugen sie tendenziell auch das Gefühl, dass die Verantwortung für die eigene Gesundheit, bei einem selbst liegt, dem einzelnen Patienten.

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Der Nimbus der Genetik, die rechtlich zweifelhafte Ansicht, dass wir Eigentümer unserer Körper sind, und der zunehmende Einfluss der Märkte auf unser Leben veranlassen viele zu dem Glauben, dass die „Ich“-Medizin die einzige Möglichkeit darstellt. Wenn Einzelpersonen oder ihre Arbeitgeber für die Gesundheitsfürsorge bezahlen, wird „Ich“-Medizin zur natürlichen Weltanschauung.

Aber genau wie der Betrunkene, der unter der Straßenlaterne nach seinen Schlüsseln sucht, läuft die Biomedizin Gefahr, sich ausschließlich auf die Bereiche zu konzentrieren, wo der Schein am hellsten ist – nicht auf die wirksamsten medizinischen Investitionen, sondern auf die individuellsten und gewinnbringendsten, was heute Hand in Hand geht.