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Selbstläufer der nachhaltigen Entwicklung

BUDAPEST – Zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen für das Jahr 2030 gehören unter anderem der Grundschulbesuch für alle Kinder, Arbeitsplätze für alle Erwachsenen und ein Ende des Hungers und der Armut. Dabei handelt es sich um hehre – allerdings auch überaus kostspielige – Ziele. Können wir uns es wirklich leisten, alle diese Vorhaben umzusetzen? 

Die OECD schätzt, dass die Kosten für die Umsetzung aller 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung, die 169 spezifische Entwicklungsziele umfassen, bei 3,3-4,5 Billionen Dollar jährlich liegen würden – also etwa dem Bundeshaushalt der Vereinigten  Staaten entsprechen und viel höher wären als die beinahe 132 Milliarden Dollar, die im letzten Jahr weltweit für Entwicklungshilfe ausgegeben wurden.  

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Tatsächlich wären allein für eine universelle Grundschulausbildung mindestens 17 Milliarden Dollar an zusätzlichen jährlichen Ausgaben erforderlich und ein zwischenstaatlicher Ausschuss der UN-Generalversammlung schätzt, dass man zur Ausrottung der Armut weltweit jährliche Infrastrukturinvestitionen in der Höhe von 5-7 Billionen Dollar tätigen müsste. In Wahrheit schwanken diese Schätzungen, weil niemand genau weiß, wie viel die Umsetzung der Ziele nachhaltiger Entwicklung wirklich kosten würde.

Unterdessen ist es unwahrscheinlich, dass die Geberländer ihre Auslandshilfebudgets in absehbarer Zukunft substanziell erhöhen. In Großbritannien wollen zwei Drittel der Wähler von einer Auslandshilfezusage im Ausmaß von 0,7 Prozent des BIP abrücken.  In den Vereinigten Staaten sagte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, dass die US-Bundesregierung „die Auslandshilfe für Länder, die uns hassen, einstellen“ sollte. Und in Australien hat die Regierung ihr Entwicklungshilfebudget gemessen am Bruttonationaleinkommen bereits so drastisch gekürzt, dass sie mittlerweile an einem Allzeittief angekommen ist.

Wenn wir also nicht auf die vollständige Finanzierung jedes Zieles nachhaltiger Entwicklung zählen können, sollten wir die zur Verfügung stehenden Mittel mit Bedacht ausgeben und nicht noch weitere Gelder in Investitionen fließen lassen, die traditionell geringen Nutzen bringen. So hatten beispielweise im Bildungsbereich Investitionen in kleinere Klassen und höhere Lehrergehälter keinen wesentlichen Einfluss auf die Prüfungsergebnisse der Schüler.

Ein weiterer Bereich, der mehr verspricht als er hält, ist die „Klimahilfe“, im Rahmen derer Entwicklungshilfegelder in Projekte zur Linderung der Auswirkungen der globalen Erwärmung fließen. Anstatt einen wirklichen Wandel zu bewirken, dienen diese Finanzierungen allzu oft nur kosmetischen Zwecken –  sie lassen die Geberländer in einem umweltfreundlichen Licht erscheinen.

Während auf der einen Seite diese Klimahilfsprogramme im Vormarsch sind, verschwenden zahlreiche Länder auf der anderen Seite nach wie vor Milliarden, um die Gaspreise künstlich niedrig zu halten. Im Jahr 2014 beliefen sich die Ausgaben für die Subventionierung von fossilen Brennstoffen in China, Ägypten, Venezuela und Algerien auf 20-30 Milliarden Dollar; in Russland und Indien auf 40 Milliarden Dollar; und auf 70 Milliarden Dollar im Iran und Saudi Arabien. 

Unter den vielen mit Energie in Zusammenhang stehenden nachhaltigen Entwicklungszielen ist die Forderung nach einem Ende der Subventionen für fossile Brennstoffe eigentlich ein Selbstläufer. Die Ökonomen der von mir geleiteten Denkfabrik schätzen, dass jeder aus der Subventionierung von fossilen Brennstoffen abgezogene Dollar der Gesellschaft einen Nutzen im Ausmaß von 15 Dollar bringen könnte. Ein Ende der Subventionen würde die Situation hinsichtlich CO2-Emissionen, Luftverschmutzung und verkehrsüberlasteter Straßen verbessern. Und noch wichtiger: es stünde Geld für andere Bereiche wie Gesundheit und Ernährung zur Verfügung, wo sich mit einfachen Maßnahmen im Verhältnis zu ihren Kosten enorme Fortschritte erzielen lassen.

So starben beispielsweise im letzten Jahr über 400.000 Menschen an Malaria. Mit Insektiziden imprägnierte Netze zur Abwehr der die Krankheit übertragenden Mücken sind zwei oder drei Jahre wirksam und kosten in Herstellung und Vertrieb weniger als 10 Dollar. Insgesamt kann also ein einziger Fall klinischer Malaria um lediglich 11 Dollar vermieden werden.

Laut Angaben von Givewell – einer Institution, die Hilfsorganisationen bewertet -  rettet die Stiftung Against Malaria Foundation mit 3.500 Dollar das Leben eines Kindes und eine Studie aus Kenia zeigt, dass man mit 1.000 Dollar, die für die Verteilung von Bettnetzen ausgegeben werden, ein Kind vor dem Tod bewahren kann. Der typische amerikanische Arbeitnehmer gibt diese Summe jährlich für Kaffee aus.

Ein kleiner Betrag kann also einen Menschen vor schwerem Fieber, Kopfschmerzen, belastenden Schwächezuständen, Erbrechen und anderen Malaria-Symptomen schützen; und er kann eine Gemeinschaft vor dem Verlust wirtschaftlicher Produktivität bewahren, weil die Kinder weniger Schultage und die Erwachsenen weniger Arbeitstage versäumen. Überdies gelingt es damit, hunderttausende Leben zu retten. Unsere Ökonomen schätzen, dass  Investitionen zur Senkung der Malariafälle um 50 Prozent für die Gesellschaft einen wirtschaftlichen Nutzen im Ausmaß einer 35-fachen Rendite mit sich bringen.

Eine weitere einfache und wirksame Maßnahme im Gesundheitsbereich besteht darin, Aspirin in höherem Maße verfügbar zu machen, so dass es bereits zu Beginn eines Herzinfarktes verabreicht werden kann, um den Tod zu vermeiden. Die Kosten pro Behandlungsfall für dieses billige Medikament betragen zusammen mit Krankenhausaufenthalten und diagnostischen Tests lediglich 13-15 Dollar. Das bedeutet, man könnte in Ländern niedrigen und mittleren Einkommens für nur 3,5 Milliarden Dollar 75 Prozent der Bevölkerung erreichen. Das ist ungefähr ein Fünftel dessen, was Brasilien heuer als Gastgeber für die Austragung der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro aufwendete.

In ähnlicher Weise können auch grundlegende Ernährungsinterventionen – insbesondere bei Schwangeren und Kleinkindern – weitreichende Auswirkungen für den Einzelnen und für ganze Gemeinschaften haben. Angemessene Ernährung verbessert langfristig die Gesundheit, Schulleistung und auch das zukünftige Einkommen eines Kindes. Investitionen in Ernährung stellen einen weiteren Selbstläufer dar: Maßnahmen wie die Jodierung von Salz sowie die Anreicherung der Nahrung mit Eisen und Folsäure und Vitamin A-Supplementierungen kosten jährlich nur ein paar Cents pro Empfänger. Auch Entwurmungskuren und Impfungen sind kostengünstige und wirksame Interventionen mit hohem Nutzen.

Im Hinblick auf die Ziele nachhaltiger Entwicklung sollten wir allerdings nicht nur Ausschau nach „günstigen Gelegenheiten“ halten, sondern sehr wohl auch darauf achten, wo das Geld am besten angelegt ist. Es wäre zwar großartig, wenn wir die Mittel aufstocken könnten, aber es wäre töricht zu glauben, das Geld für Entwicklungshilfe wird sich über Nacht vermehren oder die umfassende, idealistische Entwicklungsagenda der UNO wäre gut genug ausgestattet, um auf Kurs zu bleiben. Um die Länder hohen Einkommens – und deren Steuerzahler – davon zu überzeugen, ihre Ausgaben für Entwicklungshilfe anzuheben, müssen wir mehr Augenmerk auf Kosten und Nutzen lenken und erkennen, dass nicht alle Entwicklungsziele gleich sind.

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Wenn es möglich ist, das Leben eines Menschen für ein paar Cent von Grund auf zu ändern, sollten wir diesen kostengünstigen Erfolg möglich machen, bevor wir Großprojekte zu höheren Kosten und ohne Erfolgsgarantie anstreben. Wo es an Geld fehlt, sollte zumindest kein Mangel an Hausverstand herrschen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier