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Warum „Big Oil“ Selbstmord begehen sollte

LONDON – Die Tatsache, dass sich die Ölpreise nun in einem langfristigen Korridor von 30-50 Dollar pro Barrel eingependelt haben (wie vor einem Jahr hier beschrieben), hat Energieverbraucher überall in den Genuss einer jährlichen Einkommenssteigerung von mehr als zwei Billionen Dollar gebracht. Das Nettoergebnis wird fast mit Sicherheit ein verstärktes weltweites Wachstum sein, denn Nutznießer dieser enormen Einkommensumverteilung sind überwiegend Haushalte mit geringem bis mittlerem Einkommen, die ihren gesamten Verdienst auch ausgeben.

Natürlich wird es auch einige große Verlierer geben – überwiegend die Regierungen der Öl produzierenden Länder, die so lange sie können von ihren Reserven zehren und Kredite an den Finanzmärkten aufnehmen werden, statt die öffentlichen Ausgaben zu senken. Dies ist schließlich der bevorzugte Ansatz der Politiker, insbesondere wenn sie Kriege führen, sich gegen geopolitischen Druck stemmen oder Volksaufstände bekämpfen.

Aber nicht alle Produzenten werden gleich viel verlieren. Eine Gruppe nimmt tatsächlich scharfe Einschnitte vor: die westlichen Ölgesellschaften, die in diesem Jahr Einschnitte im Volumen von rund 200 Milliarden Dollar bei ihren Investitionen angekündigt haben. Dies hat zur Schwäche der weltweiten Aktienmärkte beigetragen; dabei könnten die Aktionäre der Ölgesellschaften paradoxerweise von der neuen Ära billigen Öls letztlich in erheblichem Umfang profitieren.

Dabei muss nur eine Voraussetzung erfüllt sein. Die Geschäftsleitungen der führenden Energieunternehmen müssen sich den wirtschaftlichen Realitäten stellen und ihre verschwenderische Obsession, neue Ölvorkommen zu erkunden, aufgeben. Die 75 größten Ölgesellschaften investieren noch immer mehr als 650 Milliarden jährlich, um fossile Brennstoffe in immer schwierigeren Umgebungen zu finden und zu erschließen. Dies ist eine der großen Fehlallokationen von Kapital in der Geschichte – wirtschaftlich machbar nur aufgrund künstlich erhöhter Monopolpreise.