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Maradona: Priester und Opfer eines dunklen argentinischen Rituals

Er steht an der Schwelle des Todes, klammert sich aber noch an sein Leben: Diego Maradona scheint dieser Tage gleichermaßen Priester wie Opfer eines tragischen argentinischen Rituals zu sein. Argentinier haben Erfahrung mit schwerem und langem Leid und wissen, wie man der Welt Helden wie Eva Perón und Ché Guevara erschafft. Der argentinische Fußballstar hat sich beinahe in diese erhabenen Höhen aufgeschwungen.

Evita und Ché waren über die Dauer ihres öffentlichen Aufstiegs ernsthafte Menschen. Sie widmeten sich hingebungsvoll enormen, gefährlichen und heldenhaften Taten. Sie kämpften, um die Welt zu verändern und trugen bereitwillig die Last von unzähligen Menschen auf ihren Schultern.

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Beide verlangten ihrer schwachen Gesundheit zu viel ab. Ein früher Tod beendete ihr Leben. Politisches Scheitern brachte Ché ins Grab und Evitas Leben wurde durch Krankheit genommen; ein Umstand, der sie möglicherweise vor einer politischen Katastrophe bewahrte, wie sie einige Jahre später über ihren Mann hereinbrechen sollte.

Beiden verlieh ihr früher Tod höheres Ansehen in der Alchemie der Geschichte. Alte geben nie gute Helden ab. Ein früher Tod lässt an ein wunderbares Schicksal denken, das vor seinem Höhepunkt - und somit bevor es unweigerlich dem Verfall anheim fällt - unterbrochen wurde. So irrational diese Vorstellung auch sein mag, sie ist packend.

Was wir an diesen tragischen Helden feiern sind also Menschen, fast wie wir es sind, allerdings mit dem seltenen Talent und der ungewöhnlichen Fähigkeit ihrem Schicksal historischen Widerhall zu verleihen. Wir feiern sie als Individuen, die zeigen, wie weit wir es im Leben bringen können, wie schön der Mensch tatsächlich sein kann. Um im Namen des Heldentums wirksam zu sein, muss der Held allerdings unverzüglich sterben.

Maradona ist kein tragischer Held. Er ist ein Held des Glücks. Seine Kämpfe wurden in einer ausgesprochen beliebten Kunstform ausgetragen. Seine Darbietung fand auf einer wunderbaren Bühne statt und seine Siege waren ein Triumph der Schönheit und Intelligenz.

In den Augen der Leute war es sein Ausschluss von der Weltmeisterschaft 1982 wegen der Einnahme verbotener Substanzen, der ihn auf den Weg in die Tragödie brachte, doch die lange Leine des Todes zog längst an ihm und hatte ihn schon Jahre zuvor dorthin geführt. Wie Evita und Ché trug er die Last der Erwartung der Menschen auf seinen Schultern. Es stimmt, seine Aufgabe war leichter, die Last wurde dadurch jedoch nicht geringer. Maradonas hilflose Seele wurde von der fanatischen und erdrückenden Liebe der Menschen erstickt; gleichzeitig konnte er ohne diese süchtig machende Droge nicht leben. Er war gleichsam Gefangener seiner besonderen Gabe und seines unstillbaren Verlangens nach der Liebe der Argentinier.

Seit er nicht mehr Fußball spielt, verlangen die Argentinier ihm sogar noch mehr ab. Sie wollen ihn reden hören, seine Geschichten kennen, seine Gegenwart spüren. Doch anders als beim Fußball birgt das Leben schwierigere Konsequenzen als ein Spiel zu verlieren. Maradona gelingt es nicht, das zu begreifen. Er schafft es nicht, sich seinen Süchten zu stellen - der Sucht nach dem schnellen Leben und nach seiner nicht immer gesunden, aber stets fordernden und irrealen Beziehung zu den Argentiniern. Mit jedem Mal kommt er dem Tod ein Stück näher.

Er verkündet gern: "Ich bin nur ein Fußballer. Ich bin kein Vorbild für niemanden." Aber keiner hört ihn. Stattdessen belagern Fotografen sein Krankenzimmer, um uns unseren Helden im Kampf mit dem Tod zu präsentieren. Da ist er, verletzlich, fett und schwach, doch wir erwarten Stärke.

Maradona ist dazu verdammt worden, entblößt vor Millionen seiner Fans zu liegen und sein Land ist dazu verurteilt, ihn mit seiner erdrückenden Liebe zu verfolgen und zurückzuholen. Ein solch tragisches Ritual kann kein gutes Ende nehmen.

Es erzählt uns jedoch etwas über argentinische Helden und ihre Fans. Das Ritual erzählt uns, dass wir verzweifelt begierige Menschen sind, die den Spiegel suchen, der unsere Helden schön, jugendlich und außergewöhnlich zeigt; dass uns eine Form von Tod fasziniert, die unsere Illusionen zu permanenten Bildern gefriert, wie Evitas einbalsamierten Leichnam.

Armer Maradona. Wir, seine argentinischen Landsleute, tragen uralten Kummer wie auch neues Leid in uns. Wir haben bisher weder richtig getrauert, noch den systematischen Absturz unseres Landes in die Armut beleuchtet; auch nicht das Verschwinden von Ex-Präsident Carlos Saúl Menems Illusion eines Argentiniens der Ersten Welt; auch nicht die abhanden gekommene Rechtmäßigkeit unserer Institutionen; auch nicht unsere Korruption und unsere Gewalt.

Ich kann es Maradona nicht verdenken, dass er Argentinien in den letzten Jahren fern geblieben ist. Es gibt schon ohne ihn genügend Kummer in diesem Land. Leider ist er jetzt zum Opfer unserer kollektiven Traurigkeit geworden. Kein Wunder, dass sich sein gesundheitlicher Zustand seit seiner Rückkehr verschlechtert hat.

Sogar als er angeschlossen an ein Gerät zur künstlichen Beatmung kaum Luft bekam, wollten die Argentinier, dass er seine Rolle in ihrem dunklen Ritual spielt: "Zeig uns die schöne Seiten des Lebens, bring ein bisschen Freude in unsere Herzen."

Nahe beim Krankenhaus, an der klaren Luft, auf einer Straße der traurigen Stadt, die den Tango erfunden hat, nähert sich die dunkle Zeremonie, als würde sie in einem Tempel stattfinden, ihrem Ende. Die Wände des Krankenhauses sind mit Botschaften, Fetzen von Tagebucheinträgen und Fotos gepflastert. Draußen haben sich viele Menschen versammelt; manche beten; andere haben polytheistische Altare errichtet. Die Lieder von Fito Paéz erklingen, auch er ein beliebter Künstler, begleitet von der erforderlichen Melancholie, die von der Menge intoniert wird. Der Abschied wirkt verzweifelt:

"Zeig uns die schönen Seiten des Lebens, bring ein bisschen Freude in unsere Herzen."

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Doch was bleibt unserem Helden in dieser Stunde? Er hat mit seinem eigenen vergrößerten Herzen zu tun, das, wenn auch erschöpft, weiter schlägt.

Ich möchte dir einen Rat geben, Diego: Jetzt, da das Krankenhaus dich entlassen hat, pack deine Tasche und fahr zum Flughafen.